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Farben aus Stein
Umgang mit Mineralien am Bau
 
Der nachfolgende Artikel ist ein Plädoyer für die Rolle und die Ästhetik des Mineralischen am Bau. Den Autor, der sich von Berufs wegen mit Oberflächen beschäftigt, interessiert weniger das Oberflächliche als vielmehr die Tiefenperspektiven rund um das Thema der Oberflächen.

Die nachfolgede Sage «Die Heinzelmännchen zu Köln» führt uns in eine Zeit, als Zwerge noch Heinzelmännchen und nicht «Nanos» hiessen. In der Sage wie auch heute gilt, dass Heinzelmännchen dem Menschen dienstbar sind, sofern er sie nicht vertreibt. Was dies mit Mineralfarben zu tun hat? Lesen Sie die folgenden Seiten.

Die Heinzelmännchen zu Köln
«In früherer Zeit wirkten in Köln Heinzelmännchen. Nächtens im Verborgenen halfen sie den Bewohnern der Stadt, indem sie all die Arbeiten verrichteten, die tagsüber liegen geblieben waren. Jedermann wusste wohl um die Hilfe der unbekannten Wesen, und so pflegte man in Köln ein Leben unbekümmerten Müssiggangs. Eines Tages bekam der Schneider den Auftrag, einen neuen Staatsrock zu nähen, der anderntags schon abgeholt würde. Freudig nahm er den Auftrag an, fest mit der nächtlichen Hilfe rechnend. Seine neugierige Frau aber sah endlich die Gelegenheit gekommen, das Geheimnis der Zwerge zu lüften. Listig streute sie Erbsen auf die Treppe zur Werkstatt hin und wartete mit einer Laterne hinter der Tür auf ihr nächtliches Erscheinen. Schon bald kamen die Heinzelmännchen, um sich an die Arbeit zu machen. Aber sogleich rutschten sie auf den Erbsen aus, fielen die Treppe hinunter, schrien, wehklagten und fluchten. Da öffnete das Weib die Türe und streckte die Laterne in die dunkle Werkstatt. Im selben Augenblick verschwanden die Heinzelmännchen – und tauchten seitdem nie wieder auf. Von nun an musste man in Köln all seine Arbeit selber tun.» (Frei nach August Kopisch)

Dem Menschen von jeher dienlich
Oft repräsentieren in Märchendeutungen Heinzelmännchen und Zwerge das Mineralische in der Welt und gelten als Träger der Erdenweisheit. Auch wenn sie ab und an Schabernack treiben, treten sie gegenüber dem Menschen doch meist hilfreich und dienstbar in Erscheinung, so wie in der Kölner Sage beschrieben. Aber nicht nur aufgrund von Sagendeutung, auch durch eigene Erfahrung wissen wir, dass das Mineralische dem Menschen seit jeher dienstbar gewesen ist: als Felshöhle, Fundament, Felsblock, Mauerstein, Faustkeil, Schotter, Kies, Sand oder Steinmehl. Das Mineralische lässt sich aber auch giessen: zum Beispiel als Glas oder Beton, formen: als Keramik oder Putz, streichen: als Farbe.

Mineralfarben
Allgemein bestehen Farben aus farbgebenden Pigmenten, Füllstoffen, Bindemitteln, einem Verdünnungs- oder Lösemittel und gegebenenfalls noch funktionellen Zusätzen. Das Bindemittel definiert und bezeichnet die Art des Anstrichmaterials. So spricht man zum Beispiel von Ölfarben, Dispersionsfarben, Leimfarben oder eben Mineralfarben. Mi-neralfarben sind demnach mineralisch gebunden. Als Basis mineralischer Bindemittel kommen Kalk oder Quarz in Frage. Kalkstein lässt sich über einen Brennprozess, Quarz über einen Schmelzprozess in eine wasserlösliche Form bringen. Löst man nun diese Stoffe in Wasser, so entsteht bei Kalk flüssiges Kalziumhydroxid, im Falle des Quarzes flüssiges Kaliumsilikat. Mit diesen mineralischen Flüssigkeiten lassen sich nun mineralische Pigmente und Füllstoffe binden und somit Farben formulieren.

Kalk als Putz- und Farbbindemittel aber auch als Weisspigment ist schon seit der Antike bekannt. Weisse oder bunt bemalte griechische und römische Bauwerke zeugen von einem virtuosen Umgang mit Kalkfarben schon zu jener Zeit. In den Fresken der Renaissance manifestierte sich eine Blü-
te der Kalktechnik.

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts tauchte dann die auf Quarz basierende Silikatfarbe auf. An die Tradition der Kalk-
freskotechnik anknüpfend, wurde sie auf Fassaden und Innenwänden zunächst für Zier- und Dekormalereien verwendet. Aufgrund ihrer hohen Stabilität und der möglichen Farbintensitäten fand die Silikatfarbe bald auch in der Flachmalerei verbreitet Einsatz und bildete die technische Grundlage für die Bewegung der farbigen Stadt der 1920er und 30er Jahre mit ihren subtilen aber mitunter auch satten Farbtönen. An diese Architekturbewegung erinnern heute zahlreiche aktuelle Farbgebungen auch zeitgenössischer Architektur. Üblicherweise werden mit Silikatfarben mineralische Putze oder Beton gestrichen. Wenn gewünscht, lässt sich damit aber auch Naturstein lasierend oder deckend gestalten.

Organisch gebundene Farben
Mit dem Aufkommen der kunststoff- und dispersionsgebundenen Farben nach dem zweiten Weltkrieg wurde es ruhiger um die mineralischen Kalk- und Silikatfarben. In den 1960er bis 80er Jahre fanden diese daher am ehesten noch in der Denkmalpflege Verwendung, im Industrie- und Wohnungsbau wurden sie hingegen von den neuen, vielversprechenden organischen Dispersions- und später Silikonharzfarben verdrängt. Die allermeisten Farbproduzenten haben in jener Zeit von der Mineralfarbe auf die Kunststofffarbe umgestellt und entsprechend ihre Produktions-anlagen und Kapazitäten angepasst. Heute weiss man, dass gerade die bauphysikalischen Eigenschaften der organischen Beschichtungen oder Hydrophobierungen den Bauwerken (denen aus Naturstein im Speziellen) nicht selten abträglich sind.

Da helfen keine Heinzelmännchen mehr
Natürliche organische Stoffe entstammen der belebten Natur und bauen sich nach einer gewissen Zeit durch Zersetzung oder Verrottung wieder ab. Mineralische Stoffe, handle es sich um Naturstein, Putz oder Mineralfarbe, altern durch allmähliche Verwitterung. Naturkräfte bewältigen in beiden Fällen die Abbauarbeit. Den alten Kölnern gleich, brauchen wir uns darum kaum zu kümmern.

Ganz anders liegt die Sache bei organischen Kunststoffen. Bakelit, zum Beispiel, gilt als erster Kunststoff der Geschichte. Zahlreiche Gegenstände und Gehäuse wurden seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts daraus gefertigt. Neu war, dass dieser Kunststoff sich als beliebig formbar erwies und, im Gegensatz zu Naturstoffen, nicht verrottete.

Die meisten synthetisch gebundenen Wand- und Fassadenbeschichtungen verhalten sich analog: sie altern nicht durch allmähliche Verwitterung, sondern durch Versprödung. Sollen sie eines Tages entsorgt werden, muss sie der Mensch selber abkratzen oder ab-beizen, einsammeln und als Sondermüll entsorgen. Da helfen keine Heinzelmännchen mehr. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum wir unsere Bauwerke so gern mit mumifizierenden organischen Stoffen beschichten? Tausendjährige positive Erfahrungen mit dem Mineralischen scheinen durch die Kunststoffeuphorie der letzten Jahrzehnte wie ausgeblendet. Besserung ist jedoch in Sicht: In letzter Zeit lernt der Mensch allmählich, Mumifizierung von Nachhaltigkeit am Bau zu unterscheiden.
So gewinnen mineralische Baustoffe und Farben wieder zunehmend an Bedeutung, nicht zuletzt wegen ihrer Ästhetik.

Ästhetik des Mineralischen in der Architektur
Seit Menschengedenken fasziniert uns mal das reine Weiss, mal das gräuliche Wolkenspiel griechischen Marmors, dann wieder das leuchtende Rot oder das satte Ocker mediterraner Erden. Aber nicht nur in Griechenland, Italien, Südfrankreich oder Kroatien kann man verblüffendes Farbenspiel in Stein entdecken, sondern meist schon am nächsten Wegrand. Dabei erlebt der aufmerksame Steinbetrachter Kontraste, Muster, Nuancen, Harmonien, Effekte – ja Geschichten.

Epochale Farberfindung
Das Erlebte zu reflektieren, ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen. So liegt es nahe, dass er immerzu bestrebt ist, Naturphänomene nachzustellen, wiederzugeben, oder diese gar zu übertreffen. Auch die Farbigkeit der natürlichen Mineralien nachzu-stellen entsprang diesem Bedürfnis und war der eigentliche Ausgangspunkt der chemischen Industrie. Im 19. Jahrhundert gelang es mehr und mehr, farbige Mineralien synthetisch herzustellen. Gelbe, rote und schwarze Erden konnten in Form chemisch reinen Eisenoxids stabil und
günstig und beständig nachgestellt werden. Spektakulär war die Erfindung des künstlichen Ultramarinblaus (schwefelhaltiges Aluminiumsilikat). Es machte diesen Farbton breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich, da das natürliche Ultramarinblau (Lapislazuli) selten und teuer ist. Zahlreiche blaue Firmenschilder, gemalte Werbetafeln und Logos (Ford, Hero…) aus der letzten Jahrhundertwende erinnern an diese epochale Farberfindung.

Polychrome Tiefe mineralischer Pigmente
Es gibt inzwischen eine ganze Reihe anorganischer Metallverbindungen, die als mineralische Pigmente eingesetzt werden. Eine umfassende Palette von weissen, bunten und schwarzen Pigmenten, selbst in intensivsten Farbtönen, bietet sich an. Auch in reiner, nicht vermischter Form, wirken die mineralischen Pigmente nie monochrom oder aggressiv, sondern weisen stets eine polychrome Tiefe auf. Farbliche Disharmonien sind mit mineralischen Pigmenten kaum zu erzielen, sie wirken fast immer harmonisch untereinander. In den mineralischen Bindemitteln Kalk und Silikat verbreiten diese Pigmente, ob natürlichen oder künstlichen Ursprungs, ihre farbige Wirkung durch kristalline Licht-reflexion. Das erfreut das Auge und Herz des Betrachters über viele Jahrzehnte, denn die mineralischen Pigmente sind überaus stabil. Dies kann auch als ein Dienst des Mineralischen am Menschen betrachtet werden.

Befleckte und unbefleckte Fassaden
Der Umgang mit dem Mineralischen beginnt, wie alle menschliche Aktivität, im Kopf oder im Herzen. Vertreter der kunststoffbasierten Farbindustrie diskreditieren mineralische Putze und Farben gerne mit dem Ziel, Kopf und Herz von Bauherren, Architekten und Verarbeitern für ihre Produkte zu gewinnen. Schliesslich können mit organischen Beschichtungen die bestehenden Produktionskapazitäten besser genutzt und damit (einstweilen noch) bessere Deckungsbeiträge erzielt werden. Die Verdienste und Qualitäten, die naturgemäss für die mineralischen Farben sprechen, stehen da im Weg. Deswegen streut man Erbsen aus: Kürzlich war in einem Fachartikel einer bekannten Malerzeitschrift der Satz zu lesen: «(…) Leider erfüllen sie (die mineralischen Pigmente) nur selten die Wünsche der Farbdesigner, da sie in aller Regel einen erdigen, schmutzigen Farbton haben. Um die Farbtonwünsche der Kunden zu erfüllen, ist man folglich gezwungen, zu den organischen Pigmenten zu greifen.» Ob den ausgewiesenen Fachexperten und Verfassern dieser Zeilen in ihrer langjährigen Tätigkeit das farbige Leuchten von Silikatfarbe, das samtigweiche Schimmern von Kalktünche, das feine Glitzern von Sandstein, das erhabene Strahlen von Marmor gänzlich entgangen ist?

Ein anderes Beispiel: Es liegt in der Natur der Mineralien, bei Befeuchtung abzudunkeln und bei Trocknung wieder aufzuhellen. Man kennt das von der Gartenmauer, der Strasse, dem Kiesbeet, dem Naturstein- oder der Betonwand. Wenn es mal regnet, käme niemand auf die Idee, sich an diesem Abdunkeln zu stossen. Dies tun wohl aber manche Vertreter der Farbindustrie: Meinungsbildend treten sie in Aktion und weisen in unzähligen Fachinformationen oder Prospekten darauf hin, es sei ein Nachteil der Mineralfarben, dass sie bei Beregnung fleckig würden. Das Wort «fleckig» ist hochwirksam, enthält es doch etwas Moralisches. Wer will schon in aller Öffentlichkeit und vor dem eignen Nachbarn im Besonderen eine befleckte Fassade verantworten müssen? Dass diese, wie die Gartenmauer, kurz nach dem Regen wieder trocknen würde, kann nicht trösten. Nicht zuletzt um solche Peinlichkeit zu verhindern, werden heute die aller-meisten Baufarben entweder organisch gebunden, organisch pigmentiert und/oder hydrophob ausgerüstet. Gute Bauphysik, Farbtonstabilität oder ökologische Überlegungen müssen in den Hintergrund treten.

Zurück-Schritt statt Fort-Schritt
In der Baustoffentwicklung sind echte qualitative Fortschritte gemacht worden. Die organische synthetische Farbtechnologie ist in vielen Bereichen unverzichtbar. So existieren auch mineralisch/organische Mischformen von Farben, die, am rechten Ort eingesetzt, Sinn machen. Unsinnig wäre es allerdings, deswegen den Nutzen und die Schönheit des ursprünglich Mineralischen an der Gebäudehülle zu leugnen und die entsprechenden Techniken als rückschrittlich und überholt zu betrachten. Jede und jeder ist eingeladen, sich auf seine persönliche und baugeschichtliche Erfahrung mit dem Mineralischen zurückzubesinnen und einen Schritt auf ein Feld hin zu tun, wo wieder Platz ist für Mensch und Heinzelmännchen. Denn diese helfen noch heute gerne – wenn wir sie nur nicht vertreiben.

Erhaltung historischer Bauwerke aus Naturstein
Unter dem Titel «Steinrestaurierung: Rekonstruieren. Konservieren. Sanieren» erlebten die Rorschacher Stein-Fachgespräche vom 20. bis 21. Mai 2010 ihre dritte Auflage. Einen Schwerpunkt der zweitägi-gen Fortbildung bildete die Abgrenzung der denkmalpflegerischen Massnahmen, die von der Reinigung über die Teilergänzung und Rekonstruktion bis zur Konservierung reichen. Vermittelt wurden zudem geologische Gundkenntnisse, die häufig die Auswahl des jeweils geeigneten Verfahrens bestimmen.

Jetzt Broschüre bestellen
COVISS-Leserinnen und Leser können eine Broschüre, in der die Rorschacher Stein-Fachgespräche 2010 zusammengefasst sind, gratis beziehen:

Bärlocher Steinbruch und Steinhauerei AG, Postfach 13, 9422 Buchen-Staad, Telefon 071 858 60 10, Telefax 071 858 60 11,
baerlocher@baerlocher-natursteine.ch, www.baerlocher-natursteine.ch
 
 
Ausgabe "2010/4 - Juni" bestellen
 
Text Thomas Klug
Bild Ursula Ochsenbein
 
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