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Sanierung Teatro San Materno Ascona
Farbenfreudige Moderne statt gewohntes Weiss.
 
Klassische Moderne, Bauhaus, Neues Bauen – da denken die meisten an helle Kuben und lichtweisse Innenräume. Tatsächlich vertraten wichtige Exponenten der Moderne diese Doktrin, ganz im Sinne der Forderung nach Hygiene, Licht, Materialgerechtigkeit und Neuer Sachlichkeit. Dass es daneben aber zeitgleich ganz andere Strömungen gab, zeigt anschaulich und augenfällig die kürzlich erfolgte Restaurierung des Theaters San Materno in Ascona, die dem aussergewöhnlichen Gebäude die ursprüngliche Farbigkeit wieder zurückgegeben hat.

Das Theater wurde 1928 für die berühmte Ausdruckstänzerin Charlotte Bara (1901 bis 1986) erbaut, die im Ascona der Zwischenkriegszeit mit seiner internationalen Künstlerkolonie das ideale Umfeld für ihre expressionistische Kunstrichtung fand. Für das Projekt wurde der norddeutsche Architekt, Maler und Kunsthandwerker Carl Weidemeyer (1882 bis 1976) verpflichtet. Entscheidende Impulse für die ungewöhnliche Bauaufgabe vermittelte ihm 1927 der Besuch der Weissenhofsiedlung in Stuttgart, wo unter der Gesamtleitung von Mies van der Rohe führende Vertreter des Neuen Bauens ihre experimentellen Wohnformen verwirklichen konnten. Hier fand Weidemeyer im «organischen» Haus von Hans Scharoun jene Dynamik der Formen, die auch seinen Theaterbau in Ascona auszeichnen sollte, und hier fand er, insbesondere
im Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret, jene Farbigkeit, die uns nun in Ascona wieder begegnet.

Der erste Bau des Tessins im Stil der Moderne
Das zwar kleine, mit einer Bühne, einem Zuschauerraum mit gut 100 Plätzen, einem Foyer, einer Terrasse für Freilichtveran-staltungen und Unterkünften für die Künstler aber komplett ausgestattete Kammerspielhaus war ein revolutionärer Bau, ein Tempel der Kunst, nicht nur für Tanz und Theater, sondern für allerlei kulturelle Veranstaltungen konzipiert. Zusammen mit dem zeitgleich errichteten, nur wenige hundert Meter entfernt liegenden Hotel Monte Verità war es der erste Bau des
Tessins im Stil der Moderne, der im Ort für erhebliches Aufsehen sorgte und teils auf massive Ablehnung stiess, andererseits aber 1932 bei der Ausstellung «Modern Architecture» im Museum of Modern Art in New York internationale Anerkennung fand.

In der Nachkriegszeit verlor Ascona allmählich seine Bedeutung als Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde, das Teatro San Materno aber blieb bis Anfang der 70er Jahre ein Ort des kulturellen Lebens, bis es 1973 Lokal der Zeugen Jehovas wurde. 1978 kaufte die Gemeinde Ascona das Haus, das mehr und mehr vernachlässigt wurde.

Vor dem endgültigen Zerfall gerettet
Nach langen Jahren der Studien und Querelen wurde 2004 endlich der Kredit für eine umfassende Sanierung gesprochen, und 2006 begannen, quasi in letzter Minute vor dem endgültigen Zerfall, die fundierten Sanierungsarbeiten unter der Leitung des Asconeser Architekten Guido Tallone. In akribischer Feinarbeit wurden dabei von der Konservatorin Nadia Fonti die alten, inzwischen längst in belanglosem Weiss überstrichenen Farbfassungen freigelegt und im Kantonslabor von Dr. Arcangelo Moles und von Prof. Andreas Küng analysiert. Getreu dem Befund wurden diese Farben wieder appliziert, nicht nur was den Tonwert, sondern auch was das Material betraf: Kalkfarben für die Wand- und Deckenflächen (Betrisey Ivo SA, Gordola), Ölfarbe für die Holzelemente (Andrea Cerutti, Ascona), wobei sich letzteres auch auf die Möbel in den Appartements bezieht, die zu einem grossen Teil auf den ursprünglichen Bestand zurückgehen.

Seit der Wiedereröffnung am 3. Oktober kann das Theater in alter Pracht und Farbigkeit bewundert werden, so wie es in der Architekturzeitschrift Werk 1929 beschrieben wurde: «Der gesamte Bau ist in orts-üblicher Weise mit Kalk verputzt (in die-sem Punkt irrt die historische Quelle, tatsächlich handelte es sich um einen Zementverputz), glatt und gelblich gestrichen. Die Eisengeländer und das obere Abschlussgesims sind zinnoberrot, die Fensterrahmen und Aussentüren matt türkisblau.» Weit gewagter ist die Polychromie im Innern, angefangen mit den lachsroten Wänden des Foyers, die mit einer blauen Decke, zitronengelben Türen und einem neutral grauen Boden kombiniert werden.

Der Zuschauerraum überrascht mit Wänden in einem gewagten Altrosa und neapelgelben Brüstungen. Nicht weniger farbenfreudig sind die Gästezimmer mit blauen, violetten, anthrazit- oder lachsfarbenen Wänden sowie orangen, gelblichen oder naturfarbenen Möbeln und Türen. Kühl geben sich die Sanitärräume, die weitgehend in einem dunklen Graublau gehalten sind, das wirkungsvoll mit den weissen oder crèmefarbenen Einbauten kontrastiert.

Harmonischer Gesamteindruck
Trotz der vielfältigen Buntheit, die in der Beschreibung an eine Bonbonmischung erinnern könnte, ergibt sich ein sehr harmonischer Gesamteindruck. Dies liegt zum einen am Können des Architekten, der sich vornehmlich als Maler verstand und sich später auch ausschliesslich diesem Metier widmen sollte, zum anderen an der Qualität der Kalkfarben, die in ihrer Vielschichtigkeit und Transparenz den Eindruck von bunter Plattheit gar nicht erst aufkommen lassen. So ist das Teatro San Materno ein authentisches Beispiel für die sinnliche Farbigkeit, die Bauten der Moderne ebenso gut ansteht wie das gewohnte Weiss. 
 
Ausgabe "2010/4 - Juni" bestellen
 
Text Attilio D‘Andrea, dipl. Arch. ETH, Cevio (TI), www.adad.ch
Bild Attilio D‘Andrea, dipl. Arch. ETH, Cevio (TI), www.adad.ch
 
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