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Qualitätsvolle Neubauten als Chance
Baukultur statt Identitätsverlust
 
Wo Armut herrscht, da ist es idyllisch, wo Reichtum ist, da wird gebaut. Diese Binsenweisheit findet sich in der Schweiz auf Schritt und Tritt bestätigt. So auch in Obwalden. Baukräne prägen die Dörfer und die Landschaft. Dabei ist nicht das Bauen an sich ein Problem, sondern die Geschwindigkeit und die Sorglosigkeit, mit der gebaut wird und mit der sich die gewachsenen Ortsbilder bis zur Unkenntlichkeit verändern.

Die Industrialisierung des 18. und 19. Jahrhunderts hat in Obwalden kaum Spuren hinterlassen. Erst mit dem Bau der Brünig- und Pilatusbahn 1889 hielt das Maschinenzeitalter im Bergkanton Einzug. Die modernen Errungenschaften dienten zu Beginn noch kaum den Einheimischen, sondern vor allem dem Tourismus mit seinen Zentren in Luzern und im Berner Oberland. Während sich in anderen Gegenden der Schweiz etwa die Maschinen- und Textilindustrie entwickelten, blieb Obwalden bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fast ausschliesslich ein Landwirtschaftskanton. Diese wirtschaftliche Rückständigkeit hat als positiven Nebeneffekt die Dörfer und die Landschaft intakt gehalten. Erst seit den 1960er-Jahren ist eine verstärkte wirtschaftliche Entwicklung spürbar, die sich in einer vermehrten Bautätigkeit niederschlägt. Zeugnisse dieses späten Aufbruchs in die Moderne sind in Sarnen etwa der Handelshof an der Poststrasse von 1963 oder der Erweiterungsbau der Obwaldner Kantonalbank aus dem Jahr 1967. Als architekturhistorisch bedeutendstes Bauwerk des letzten Jahrhunderts in Obwalden gilt die 1966 vollendete Kollegiumskirche St. Martin in Sarnen.

Das verstärkte Engagement um Heimatschutz und Denkmalpflege in Obwalden hat sich in der Folge als Reaktion auf das beschleunigte Baugeschehen entwickelt. Erst wenn in grossem Umfang Neues entsteht, wächst die Sensibilität für den Verlust von Altem und Vertrautem. «Heimatschutz in Obwalden» heisst das Standardwerk zu diesem Thema, das der damalige Kantonsoberförster Leo Lienert 1974 herausgegeben hat. Mit scharfen Worten prangert er darin die bauliche Zerstörung der intakten Strukturen in den Dörfern und in der freien Landschaft an. Dabei weiss er genau zwischen qualitätsvollen Neubauten und solchen zu unterscheiden, die bis zum heutigen Tag störend wirken. Wer den Bildband heute betrachtet, muss sich wehmütig fragen, ob die Bemühungen dieses Pioniers der Kultur- und Denkmalpflege in Obwalden und seiner Mitstreiter nicht vergeblich waren.

Wohnüberbauungen in Ortskernen
In den letzten paar Jahren hat sich die Bautätigkeit dramatisch verstärkt. In den Dörfern entstehen nicht nur einzelne Neubauten, sondern vermehrt auch ganze Wohnüberbauungen. Diese verändern den Charakter und das Erscheinungsbild der Siedlungen tiefgreifend. Bei hoher architektonischer und städtebaulicher Qualität ist dies eine Chance zur nachhaltigen Weiterentwicklung: Es entstehen attraktive Wohnungen an zentrumsnahen Lagen, indem die vertrauten Ortsbilder um einige Häuser erweitert werden. Dies ist etwa in Sachseln bei der Überbauung des Kreuz-Areals oberhalb des neu angelegten Dorfplatzes gelungen. Weniger geglückt scheint die im Entstehen begriffene Wohnüberbauung unten am See: Die Bauten haben mit der für Sachseln charakteristischen Bebauungsstruktur nur wenig zu tun, die Übergänge zwischen der historischen Bebauung, die gemäss dem Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz als von nationaler Bedeutung eingestuft ist, und der Neubausiedlung wirken zufällig und hart.

In den Schweizer Städten ist es längst zur Selbstverständlichkeit geworden, dass von den interessierten Investoren die Durchführung von Architekturwettbewerben verlangt wird. Auf dem Land hingegen ist man meist derart dankbar, dass ein potenter Bauträger investieren will, dass man sich in falscher Bescheidenheit hütet und einen solchen kaum mit erhöhten Gestaltungsanforderungen konfrontiert. Häufig fehlt bei den zuständigen Behörden in den kleinen Gemeinwesen auch schlicht das nötige Fachwissen zur kompetenten ortsbaulichen und architektonischen Beurteilung. Eine erfreuliche Perspektive bildet hier das Vorgehen einer Investorengruppe in Wilen: Sie hat 2009 von sich aus und in Zusammenarbeit mit der Einwohnergemeinde Sarnen einen Architekturwettbewerb über die bauliche Verdichtung im Ortskern durchgeführt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die neue Überbauung entlang der Hauptstrasse und oberhalb der Kapelle erfüllt sowohl den Wunsch der Investoren nach rasch realisierbaren, attraktiven Wohnungen als auch die Vorstellungen der Gemeinde und der kantonalen Denkmalpflege nach einem qualitätsvollen Weiterbauen an der gewachsenen Dorfstruktur.

Einzelbauten im historischen Kontext
Während zentrumsnahe Wohnüberbauungen die Siedlungen verdichten und bestehende Lücken schliessen, entstehen Neubauten in den historischen Ortskernen zumeist in Form von Ersatzbauten. Die Gemeinden und bei geschützten Ortsbildern auch der Kanton wachen über das Eingliederungsgebot. Innerhalb der lockeren Bebauungsstruktur der Obwaldner Dörfer kann der Mix aus qualitativ hochstehenden Bauten verschiedener Epochen durchaus seinen Reiz haben. Hier können Neubauten sogar Wunden heilen. Schmerzhaft ist es jedoch, wenn aus einer intakten historischen Bebauung das erste Haus herausgebrochen wird. Der für sich allein stehende moderne Neubau tritt dann oft unangemessen stark in Erscheinung und stört die Ensemblewirkung. Ebenso traurig ist es, wenn das Tempo der Dorferneuerung derart forsch ist, dass an einzelnen Stellen innert wenigen Jahren und Jahrzehnten kein einziger historischer Altbau mehr bestehen bleibt. Der Betrachter wähnt sich in einer Neubausiedlung; die jahrhundertelange Baugeschichte des Ortes ist unwiederbringlich ausgelöscht.

Oft zeigen die Bauherrschaften wenig Verständnis für derartige Betrachtungen. Sie sehen nur ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse und erachten den geplanten Neubau im historischen Dorfkern zum vornherein als Segen für die Allgemeinheit. Sie übersehen dabei, dass Bauen mehr ist als reine wirtschaftliche Bedürfnisbefriedigung, es ist immer auch eine kulturelle Handlung. Viele werden nun einwenden, dass Architektur Geschmackssache sei, und darüber lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Ich widerspreche hier in aller Deutlichkeit: Natürlich gibt es verschiedene Architekturauffassungen, und in unserer pluralistischen Gesellschaft können sie gleichwertig nebeneinander bestehen. Innerhalb jeder architektonischen Haltung gibt es aber ganz klare Qualitätskriterien, nach denen sich Bauten und Projekte unabhängig vom persönlichen Geschmacksempfinden objektiv beurteilen lassen. Ich spreche etwa von der Volumengliederung, der Massstäblichkeit und der Angemessenheit der äusseren Erscheinung. So ist es zum Beispiel legitim, wenn sich ein wichtiger öffentlicher Bau wie die derzeit geplante Erweiterung des Hauptsitzes der Obwaldner Kantonalbank selbstbewusst aus der umliegenden Bebauung abhebt, während dies für ein gewöhnliches Wohn- und Geschäftshaus in vergleichbarer Lage nicht angemessen wäre. Solche gemeinschaftsbildenden Hierarchien unter den Gebäuden sind wichtig, um das historische Ortsbild lesbar zu erhalten und es qualitativ von den oftmals chaotischen und gestalterisch vom Zufallsprinzip geleiteten Agglomera-tionsgebieten zu unterscheiden.

Häufig wird vermutet, dass diese regulierenden Massnahmen eine Erfindung neueren Datums seien. Tatsächlich sind Gestaltungsvorschriften in unterschiedlicher Ausprägung in Obwalden aber seit dem Mittelalter bekannt. So war zum Beispiel lange Zeit die Farbe Rot für Fassaden ausschliesslich den Landammänner-Häusern vorbehalten. Die schönen historischen Ortskerne sind folglich nicht durch Zufall entstanden, sondern sie sind das Resultat jahrhundertelanger Bestrebungen Einzelner und des Gemeinwesens. Diese Errungenschaften gilt es für die kommenden Generationen zu bewahren und sorgsam weiterzuentwickeln. In einer Zeit beschleunigten Wachstums stellt dies eine besondere Her-ausforderung dar, die nur im Dialog mit allen beteiligten Partnern zu bewältigen ist.

Baukultur – aber wie?
Wie aber lassen sich die Qualitäten der historischen Ortskerne unter den Vorzeichen einer prosperierenden Bauwirtschaft erhalten und gleichzeitig optimal nutzen? Zunächst ist in jedem Fall abzuklären, ob ein Ersatzbau für ein historisches Gebäude auch für die Bauherrschaft wirklich die beste Lösung darstellt. Häufig begegnet mir in meiner Arbeit das Vorurteil, dass die Renovation eines Altbaus sowieso teurer und aufwändiger sei als ein Totalersatz. Daraus spricht die Unlust, sich mit dem Alten zu befassen. Eine genaue Kosten-Nutzen-Analyse ergibt dann häufig ein anderes Bild. Oft steht der Substanzerhalt aber auch daher nicht zur Debatte, weil sich auf dem Grundstück ein deutlich grösseres Bauvolumen realisieren liesse. Sofern es sich nicht um ein denkmalgeschütztes Haus handelt, ist in der Regel auch nichts dagegen einzuwenden. Durch die angestrebte Volumenvergrösserung wird die Aufgabe für den Planer aber deutlich schwieriger, einen Baukörper zu entwickeln, der sich nebst der Zweckerfüllung auch noch gut in den historischen Kontext einfügt und die Charakteristiken des Ortsbildes übernimmt und weiterträgt. Hier sind ausgewiesene Spezialisten gefragt – oder würden Sie etwa eine komplizierte Augenoperation von Ihrem Hausarzt durchführen lassen?

Die besten Ergebnisse liefert hier die direkte Vergleichsmöglichkeit, wie sie zum Beispiel ein Studienauftrag an drei bis fünf Architekten bietet. Die Kosten für den Bauherren bleiben sich gleich: Anstatt einem direkt beauftragten Planer das Erstellen eines Vorprojekts vollständig zu entlöhnen, werden die eingeladenen Architekten jeweils mit einer vorher vereinbarten Teilsumme davon entschädigt. Da bekanntlich Konkurrenz das Geschäft belebt, wird die Bauherrschaft für den gleichen Betrag und in der gleichen Zeit mehrere engagierte Lösungsvorschläge zur Auswahl erhalten. Zudem hat ein solches Verfahren den Vorteil, dass man die einzelnen Architekten und ihre Arbeitsweisen bereits vor der eigentlichen Auftragserteilung persönlich kennenlernt. Vor einem Autokauf macht man schliesslich auch eine Probefahrt – wieso sollte man sich bei einer zehnmal so hohen Investition dem Erstbesten blind anvertrauen?

Diese Vorgehensweise bietet zwar noch keine Gewähr für ein gutes Projekt und -einen reibungsloses Baubewilligungsverfahren. Aber es gibt der Bauherrschaft und den Behörden aufgrund der Vergleichsmöglichkeiten Argumente für eine positive Beurteilung in die Hand. Der frühzeitige Kontakt mit allen relevanten Stellen hilft zudem, ein Bauvorhaben richtig aufzugleisen und rasch und unkompliziert zu einem qualitativ hochstehenden Projekt und somit gleichzeitig zu einem Beitrag an die Baukultur im Kanton Obwalden zu gelangen.  
 
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Text Peter Omachen, Kantonaler Denkmalpfleger OW
Bild Fachstelle für Kultur- und Denkmalpflege Obwalden
 
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