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Schnittstellen
Verschiedene Interessen – bauphysikalische Probleme
 
Der Begriff «Schnittstelle» ist vor allem im EDV-Bereich verbreitet. Im Bauumfeld, wo er ebenfalls auftaucht, bezeichnet er Stellen, bei denen unterschiedliche Materialien oder Bauteile aufeinandertreffen, zum Beispiel der Verputz-/Mauerwerks-Anschluss an ein Fenster oder der Kontaktbereich zwischen dem Fachwerkholz und dem Füllmauerwerk bei einem Fachwerkhaus. Auch gelten Bereiche, an denen unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, als Schnittstellen – bei Baugesetzen beziehungsweise -verordnungen oder wenn, wie nachstehend beschrieben, die Interessen verschiedener Baubehörden zu Problemen führen.

Nehmen wir an, Sie erwerben oder besitzen ein altes Haus. Der Fassadenputz ist brüchig, an einigen Stellen ist das rohe Mauerwerk sichtbar und die ursprünglich mit viel handwerklichem Geschick aufgemalte Inschrift über dem Türbalken «Erbaut 1812» ist verbleicht und noch knapp lesbar. Auch das Holz des Fachwerks der West- und Südfassade wirkt ausgelaugt und weist Schadstellen auf. Dass das Fachwerk ursprünglich rot gestrichen war, ist nur noch in einigen Ecken und Nischen erkennbar. Bereits ausgebrochene Fachwerksfüllungen wurden notdürftig zugemauert und mehr schlecht als recht verputzt.

Auch im Inneren sieht es nicht viel besser aus. Vor zirka 40 Jahren wurde hier umfassend renoviert und im damaligen Stil und Standart umgebaut. An einigen Stellen sind alte Teile noch sichtbar. Der ursprüngliche und immer noch funktionsfähige Kachelofen steht im grossen Wohnzimmer. In den Zimmern kann man hinter dem Wandtäfer aus einheitlich breiten und gebeizten Brettern die ursprüngliche Wandverkleidung nur vermuten, da das Täfer auf die Türbalken angeschlagen wurde. Die ursprünglichen, wahrscheinlich rohen Holz-Kassettendecken wurden mehrfach in unterschiedlichen Farben gestrichen. Die Stellen, an denen die Farbe abblättert, geben den Mehrschichtigen Aufbau preis.

Weiter nehmen wir an, Sie haben den Entschluss gefasst, das Haus zum 200-jährigen Jubiläum in alter Herrlichkeit und Frische wieder herzurichten. Ebenso haben Sie sich entschlossen, die alte Substanz soweit wie möglich zu erhalten respektive diese wieder hervorzuholen. Auch soll der Energieverbrauch optimiert und zeitgemässen ökologischen Grundsätzen angepasst werden. Erste Abklärungen mit den Baubehörden der Gemeinde zeigen jedoch, dass diese Absicht nicht ganz problemlos umzusetzen ist. Die Fassaden sowie die gesamte Tragstruktur des Gebäudes stehen unter Schutz. Zusätzlich bestehen verschiedene Bauvorschriften, die vor allem in energetischer Hinsicht zwingende Massnahmen bei einer Sanierung vorschreiben, jedoch diametral zu den denkmalpflegerischen Grundsätzen stehen.

Lösungssuche mit der Denkmalpflege
Auf Empfehlung des Bauvorstandes der Gemeinde nehmen Sie zuerst mit dem Vertreter der Denkmalpflege Kontakt auf. Im Bereich der unter Schutz stehenden Fassade wird festgestellt, dass das gesamte Fachwerkholz überarbeitet werden kann und schadhafte Hölzer, wenn erforderlich, ersetzt werden dürfen. Fachwerksfüllungen, die schon herausgebrochen sind, können mit neuen Backsteinen (statt mit ursprünglichem Ziegelschrott oder Flusssteinen) ausgemauert werden. Der gesamte Verputz kann heruntergeschlagen werden und durch einen neuzeitlichen reinmineralischen Putz- und Farbaufbau ersetzt werden. Dies jedoch unter Beachtung der ursprünglichen Oberflächenstruktur. Auch für die Fenster finden Sie zusammen mit dem Denkmalpfleger eine für beide Seiten befriedigende Lösung: Fensterrahmen und Flügelhölzer werden neu hergestellt, jedoch auch hier mit der Auflage, dass die ursprüngliche Profilierung und Einteilung übernommen werden.

Für die innere Tragstruktur, die ebenfalls unter Schutz steht, wie auch für die schutzwürdigen Einzelobjekte und Teilbereiche im Innern des Hauses konnten aus Ihrer Sicht gute und vor allem umsetzbare Lösungen gefunden werden. Im Speziellen betrifft das vor allem den Kachelofen. Da sich der Ofen noch im Originalzustand befindet, ist er dem überkommunalen Schutzinventar zugeordnet und darf unter keinen Umständen im Äussern baulich verändert werden. Daher haben Sie sich entschlossen, den Ofen in das neue Gesamtenergiekonzept des Hauses zu integrieren. Sondierungen haben gemäss Denkmalpflege ergeben, dass die am Objekt vorhandene Art von Wandverkleidungen einem hochrangigen Schutzinventar zugeordnet sind und erhalten bleiben müssen. Trotz Mehrkosten sind Sie als stolzer Hausbesitzer auch bereit, die entsprechenden Wandverkleidungen freizu-legen und zu erhalten.

Unterschiedliche Vorstellungen der Baubehörde und Denkmalpflege
Ausgestattet mit den oben beschriebenen Informationen und Abmachungen mit der Denkmalpflege, kontaktieren Sie nun die Baubehörden der Gemeinde, den Vertreter für Energiefragen und jenen für generelle baurechtliche Fragen. Hinsichtlich baurechtlicher Fragen gibt es gegenüber den denkmalpflegerischen Interessen nur ein paar wenige Problemschnittstellen, für die schnell allseitig befriedigende Lösungen gefunden werden.

Die Interessen und Vorstellungen zwischen dem für energetische Bauvorschriften Zuständigen und der Denkmalpflege können hingegen kaum unterschiedlicher sein und stellen fast unüberwindbare Schnittstellen dar. Gebäude und Gebäudeteile, die saniert oder umgebaut werden, müssen gemäss den geltenden Energiegesetzen entsprechend nachgerüstet und angepasst werden. Das heisst zum Beispiel für die Fassade, dass diese mit einer vollflächigen Wärmedämmung versehen werden muss. Beide möglichen Varianten, die Aussen- wie die Innendämmung, würden jedoch massive Eingriffe bei der Fassade erfordern und im Falle einer Aussendämmung das Erscheinungsbild beziehungsweise die Proportionen der Fassaden und des gesamten Hauses stark verändern. Die Variante Aussendämmung fällt weg, da weder die Denkmalpflege noch Sie selber zu Kompromissen bereit sind. Somit bleibt nur die Variante Innendämmung. Mit dieser ergeben sich jedoch zusätzliche, nicht unproblematische Schnittstellen vor allem in bauphysikalischer Hinsicht. Zwar kann die Innendämmung hinter den Wandverkleidungen versteckt werden. Um jedoch genügende Schichtdicken zu erreichen, muss -diese weiter in den Raum hinein auf einer neuen Unterkonstruktion aufgebaut werden. Die kleinen Räume im Altbau werden dadurch noch kleiner.

Eine weitere bauphysikalische Schnittstelle mit oft auch konstruktiv sehr komplexen Zusammenhängen ergibt sich im Bereich Deckenstirn und Deckenauflager entlang der Aussenwände. Können hier nicht bauphysikalisch einwandfreie und handwerklich konstruktive, einwandfreie Lösungen gefunden werden, sind Kondenswasserbildungen mit entsprechenden Schäden unvermeidlich. Solche zeigen sich meistens nicht sofort, sondern erst nach Jahren, verbunden mit entsprechend hohen Folgekosten.

Veränderte bauphysikalische Bedingungen mit möglichen Folgen
Bei umfassenden energetischen Nachrüstungen von Altbauten ergeben sich nicht nur mehr und zum Teil sehr komplexe Schnittstellen, sondern auch viele neue, bei denen Erfahrungswerte weitgehend fehlen. Lang-fristige Erfahrungen darüber, wie sich Gebäude verhalten, die über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinweg vollkommen anderen bauphysikalischen Einflüssen ausgesetzt waren, fehlen. Da dürften noch einige Überraschungen auf die Bauverantwortlichen, die Baubehörden und Besitzer zukommen. Daher wäre es angebracht, man würde rechtzeitig vor Baubeginn den Verhandlungsmarathon zwischen den Bau- und Energiebehörden einerseits und der Denkmalpflege anderseits aufnehmen. Dabei sind Lösungen anzustreben, bei denen die geltenden Energievorschriften vielleicht nicht überall voll erfüllt werden, dafür viele potentielle Problemschnittstellen gar nicht erst entstehen. Man sollte bedenken, dass die Energievorschriften auf Extrem- und Komfortwerte ausgelegt sind, die oft nur wenige Tage im Jahr massgebend sind. Ganzheitliche energetische Betrachtungen, insbesondere unter Einbezug der verbauten grauen Energie, über die gesamte Nutzungsdauer eines Gebäudes oder eines Bauelementes, werden noch kaum gemacht. Nach wie vor basieren die gängigen Energieberechnungen auf dem Verbrauch pro Quadratmeter und Jahr.

Sie haben noch rund zwei Jahre Zeit, bis Ihr Haus in ursprünglicher Pracht zum 200-jährigen Jubiläum bereitstehen soll. Damit das Werk am Schluss gelingt und den Nutzern und Ihnen als Bauherr wieder viele Jahre Freude bereiten kann, benötigen die Planer und Handwerker genügend Zeit, Ihre Vorstellungen und Wünsche sorgfältig und verantwortungsbewusst umzusetzen.  
 
Ausgabe "2010/1 - Februar" bestellen
 
Text Urs Rüegger, Rüegger Bau--Ingenieur + Beratung, Zürich-Schlieren
Bild Urs Rüegger, Rüegger Bau--Ingenieur + Beratung, Zürich-Schlieren
 
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