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Verarbeitung von Lehmputzen
Portrait eines globalen Baumaterials
 
Erdbaustoffe wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten der «weissen Wände» wegen ihrer dunklen Erscheinung kaum mehr angewendet. Mit dem aktuellen Architekturtrend in Richtung Farbigkeit und der Auferstehung des 70er-Jahre-Stils sind Braun- und Ockertöne des Urbaustoffs wieder gefragt.

Der Baustoff Lehm ist lokal verfügbar. Er bedarf keiner industriellen Bearbeitung, kann also direkt aus dem Aushub verwendet werden. Im Unterschied zu Bindemitteln wie Kalk, Gips oder Zement erhärtet ein Lehmbaustoff nicht chemisch, sondern ausschliesslich durch Austrocknung. Für die Klebkraft im Lehmbaustoff sind Tonmineralien verantwortlich. Sie sind geologische Verwitterungsprodukte aus dem Urgestein, die sich auf ihrem Weg talwärts mit Sand und Kies vermengen. Dieses Gemisch wird als Lehm bezeichnet und findet sich im Mittelland überall unterhalb einer zehn bis fünfzig Zentimeter starken Humusschicht.

Vom Baulehm zum Lehmbaustoff
Der geologische Werdegang von Lehmen erklärt, warum diese von Fundort zu Fundort unterschiedliche Zusammensetzungen aufweisen und Farbe, Tonanteil, Silt-, Sand- und Kiesanteile variieren. Aus dieser Vielfalt heraus sind dutzende von weltweit bekannten Lehmbautechniken entstanden. Im Dreieck Genf-Lyon-Grenoble, zum Beispiel, trifft man auf so genannte Stampflehmbauten, Gebäude von eindrücklicher Kubatur, deren tragende Aussenwände als massive, vierzig bis achtzig Zentimeter starke Lehmkörper errichtet wurden. Die Region verfügt über stark kieshaltige Lehme mit mittlerem Tongehalt – eine ideale Zusammensetzung für die so genannte Pisé-Technik («piser» = franz. «mit Stampferde bauen»).

In unserer Region sind Lehme meist stärker tonhaltig (fetter). Würde dieses Material direkt für die Pisé-Bauweise verwendet, würden Bauteile während des Trocknungsprozesses so stark schwinden, dass grosse Setzungen und Risse entstünden. Fette Lehme wurden oft mit Stroh vermischt und als Lehmbewurf im Fachwerk auf Flechtwerk verbaut. Der hohe Faserstoffanteil reduzierte einerseits den Trockenschwund, andererseits entstand ein enorm stabiles vollarmiertes und leicht isolierendes Wandelement. Traditionelle Lehmputze enthielten neben von Grobbestandteilen befreitem Lehm meist auch faserige Zuschläge und Sand zur Magerung (Reduktion des Tonanteils im Baustoff zur Kontrolle des Trockenschwundes). Wie bei konventionellen Mörteln kann als Faustregel von einem Mischverhältnis von 1 Teil Bindemittel (Lehm) und 3 Teilen Sand ausgegangen werden.

Lehmputze – Eigenheiten und Verarbeitung
Heute wird nur selten auf lokalen Aushublehm zurückgegriffen, dafür umso mehr auf die mittlerweile zahlreichen Fertigprodukte: auf luftgetrocknete Lehmsteine, die statisch nichttragend im Holzständer oder als Vorsatzschale mit Lehmmörtel vermauert werden. Diese Bauteile bieten hervorragenden Schallschutz und werden speziell im Holzleichtbau als thermische Speichermasse eingesetzt. Ausserdem liefern verschiedene Anbieter Lehmbauplatten als Beplankung im Trockenbau mit Materialstärken von zwanzig bis fünfzig Millimetern. Lehmunterputze werden als Sackware oder als erdfeuchte Mischungen im Bigbag geliefert. Lehmfeinputze, von Eierschalenweiss über eine ganze Palette von Erdtönen, sind als Werktrockenmörtel im Angebot. Inhaltsstoffe bleiben nach wie vor Lehmpulver, Sande und teilweise Pflanzenfasern. Zur Erhöhung der Abriebfestigkeit der Oberfläche wird einigen Feinputzen werkseitig Methylcellulose zugefügt.

Lehmputze werden auf sämtlichen Untergünden verwendet, auf die auch konven-tionell gearbeitet werden kann. Einzig im Nass- und Spritzwasserbereich sollte darauf verzichtet werden, da Lehm wasserlöslich bleibt. Für den Aussenbereich gilt die gleiche Regel. Hohe Luftfeuchte wie zum Beispiel im Bad ist hingegen unproblematisch; dank ihres hohen Sorptionsvermögens (Wasseraufnahme und -abgabe) tragen Lehmbauteile hier zu einer ausgeglichenen Raumluftfeuchte bei, was diese auch zur Sanierung von schimmelgefährdeten Oberflächen attraktiv macht.
Lehmputze werden angeworfen, aufgezogen oder maschinell gespritzt. Dank ihrer hohen Plastizität sind sie angenehm zu verarbeiten, insbesondere bei vorhandenem Faseranteil. Armierungen werden mittels Jutegewebe (mindestens 5 mm Maschenweite) oder Flachsfasernetz ausgeführt. Lehmaussenkanten sind ähnlich verletzlich wie Kanten aus Weissputz. Hier ist für mechanischen Schutz zu sorgen, oder es gilt, die Kanten gut auszurunden. Im Sockelbereich können Schäden mittels Sockelleisten vermieden werden. Wo Lehmputze verarbeitet werden, ist für gute Dauerlüftung nach dem Putzauftrag zu sorgen. Im Winter soll der Bau beheizt sein, damit die frischen Lehmoberflächen zügig trocknen können. Bei guten Bedingungen kann am nächsten Tag die folgende Schicht aufgetragen werden. Der Feinputzauftrag erfolgt möglichst spät im Bauprozess. Farbi-ge Lehmwandputze werden aufgetragen, nachdem die Decken fertig gestrichen worden sind. Die Auftragsstärken für Unterputze bewegen sich zwischen fünf bis zwanzig Millimetern, für Feinputze zwischen zwei bis fünf Millimetern. Fertige Oberflächen werden mit Traufel oder Kelle geglättet, mit der Gummireibscheibe oder dem Schwamm bearbeitet und in leicht angetrocknetem Zustand mittels Handbesen von losem überstehendem Korn befreit.

Gut verdichteter Lehmputz benötigt keine Oberflächenbehandlung. Wird ein Absanden befürchtet, kann als farblose Imprägnierung Zellulose- oder Kaseinleim aufgesprüht werden, der mit fünf Teilen Wasser verdünnt wurde. Soll auf Lehmputz gestrichen werden, wird mit reinen Naturharzwandfarben, mit Kalk-Kasein- oder Leimfarbe gearbeitet. Die ebenfalls erhältlichen so genannten Lehmfarben sind Zelluloseleime mit farbigen Tonmineralien als Pigmentierung. Anschlüsse an Fremdmaterialien werden mittels Lanzette mit leichter Fase und Trennschnitt ausgeführt. Silikonfugen als Anschlussdetail an Lehmputze bewähren sich nicht.

Gestalten mit Lehm
Lehmoberflächen werden eine beruhigende Wirkung nachgesagt. Bei einem Material am Endpunkt des geologischen Erosionsprozesses überrascht dies nicht. Ein Kalkglanzputz dürfte dazu den Kontrapunkt bilden. Kalk als Produkt eines intensiven Hitzevorgangs wird als stark aktivierend empfunden. Im Unterschied zum ätzenden Kalk und Zement darf Lehm direkt von Hand verarbeitet werden, was dem Baustoff einen enormen, viel zu wenig genutzten Gestaltungsspielraum eröffnet. Ein farbiger Lehmfeinputz, zwei Millimeter stark aufgetragen und verrieben, kostet etwa 50 Prozent mehr als eine kunststoffgebundene Alternative. Er benötigt im Gegenzug keinen Anstrich.

Beruf des Lehmbauers
Das Berufsbild «Lehmbauer» war bis ins vergangene Jahrhundert so gängig wie dasjenige von Maurer und Zimmerer. In Deutschland wird seit kurzem die «Fachkraft Lehmbau» ausgebildet. Wer sich in der Schweiz vertieft mit dem Bauen mit Lehm befassen möchte, findet über den Lehm Fachverband Schweiz zu erfahrenen Unternehmerinnen und Unternehmern, Naturbaustoffhändlern und zu Bildungsangeboten.

Kontakt
Lehm Fachverband Schweiz, IG Lehm, www.iglehm.ch, info@iglehm.ch,
Tel. 061 721 721 1 
 
Ausgabe "2009/5 - August/September" bestellen
 
Text Ralph Künzler
Bild Ralph Künzler
 
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