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Oberflächen aus der Tiefenperspektive
Faszination Oberflächen im Spiegel des Handwerks
 
Das gestalterische Handwerk wie zum Beispiel der Schreinerberuf bewegt sich im Spannungsfeld zwischen beabsichtigter Hervorhebung von Holzstrukturen und bewusstem Verzicht auf Holz zugunsten anderer Materialien wie Glas und Stahl. Ein Plädoyer für einen handwerkwürdigen Zugang zu den Oberflächen.

Oberflächen sind, sobald man sie zu beschreiben beginnt, mit der menschlichen Wahrnehmung verknüpft, mit dem individuellen Erfahrungsschatz desjenigen Menschen, in dessen Fokus die Oberfläche gerade rückt. Dennoch kann der «objektive» Blick auf die Oberfläche zum Beispiel in handwerklichen Lehrlingsausbildungen und Meisterschulen geschärft, das Bewusstsein gegenüber Oberflächen, deren Material und Beschaffenheit von Grund auf gefördert werden. Wie verändern sich Farbe, Strukturen und Konturen unter dieser oder jener Verarbeitungsmethode? Wie altert in der Folge eine Oberfläche? Sollen die Spuren der Zeit beim Renovieren gänzlich verschwinden, oder dürfen Gebrauchsmerkmale sichtbarer und gewollter Bestandteil einer Objektgeschichte sein und bleiben (Abb. 1)?

Anschauliches Beispiel
Die Frage, was der Begriff Oberfläche für ihn bedeute, beantwortet Ruedi Ettlin, Betriebsleiter der Klosterschreinerei Engelberg, vorerst ohne Worte, dafür mit einem umso vielsagenderen Bild: Auf der einen Hälfte einer Holzplatte legt Ettlin einen faustgrossen Guberstein neben den andern, auf der andern platziert er ein unbeschichtetes Holzbrett. «Das ist Oberfläche», kommentiert Ettlin sein Werk (Abb. 2). Zu sehen sind handgehobeltes, unbehandeltes Holz auf der einen, aufgeschichtete Steine auf der andern Seite. Zwei Oberflächen nebeneinander, eine hölzerne und eine steinerne, beide roh, offen, mit einer je charakteristischen Struktur, die sich aus Unregelmässigkeiten im Material, aus Unebenheiten, Kerbungen, Erhöhungen und Vertiefungen, aus Licht, Schatten und Verunreinigungen ergeben. Mikro- und Makrokosmos zweier Materialien sind anschaulich dargestellt: die Steinfläche erklärt die Holzfläche, die natürliche Holzfläche steht auf ihre Art für die steinerne. Ergänzung. Veranschaulichung. Sinnbild. Ästhetik.

Mut zur Struktur
Dieses Bild umschreibt die gelebte Haltung gegenüber Material und Oberfläche in der von Ruedi Ettlin geführten Klosterschreinerei Engelberg: Mut zu Strukturen, Zulassen von Ausreissern beim Hobeln, Hervorheben von Schatten, Aushalten von nicht planen Oberflächen – Herstellen von Möbeln mit Geschichte. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Alterungsprozess, wie er bereits im Zuge der handwerklichen Objektanfertigung initiiert ist und von da an unablässig fortfährt, Geschichte zu schreiben. Aufgrund des traditionellen Hintergrunds im Umfeld des Klosters lernt man hier bewusst von alten Möbeln, liest deren Geschichte, versucht diese so gut wie möglich zu erhalten, entwickelt hierbei eine Haltung, die sich auf den Herstellungsprozess auch von Neumöbeln übertragen lässt. Nicht weiter verwunderlich, dass Ettlin und sein Mitarbeiterteam unter dieser Voraussetzung gegebene Strukturen im Holz und auf dem Holz grundsätzlich zu erhalten beziehungsweise hervorzu-heben versuchen. Für ein solches Ansinnen ist zum Beispiel Lack ein wenig geeigneter Werkstoff, weil er die Poren schliesst und die geschlossene Oberfläche speckig erscheinen lässt (Abb. 3). Bevorzugt werden deshalb in Ettlins Schreinerei Öl, das tief in das fein geschliffene Holz eindringt, Wachs und Seife. Nicht nur, weil mit einer solchen Verarbeitungsart Holzoberflächen echt lebendig erscheinen und von Anfang an bei entsprechendem Pflegeaufwand schön altern, sondern vor allem auch, weil sich die Kundschaft immer häufiger von Haltung und Ästhetik in Ettlins Schreinerei begeistern und überzeugen lässt.

Kontrast in Bad und Küche
Eine ganz andere Facette des bewussten Umgangs mit Oberflächen veranschaulicht das Objektbeispiel Badezimmer in Giswil. Hier galt es, in einem mehrheitlich aus Holz gezimmerten, rohbauartig belassenen Wohnraum einen Kontrast zu schaffen. Hierfür bot sich das fünf Quadratmeter kleine Badezimmer geradezu an: Der begrenzte, geschlossene Innenraum durfte eine markante Veränderung erfahren, ohne dass diese störend in den erhaltenswerten Gesamtkontext der Wohnung hineinwirken würde. Der Bauherr wollte das Täfer an den Badezimmerwänden und -decken entfernt und mit dem ruhig, glatt und hell wirkenden Material Glas ersetzt haben. Ein ausgewogenes Zusammenspiel von Glas und Edelstahl (Einbaugestell, Spiegelbord und Armaturen aus Edelstahl) soll den Raum in ein kleines Bijou verwandeln (Abb. 4).

Weissputz gestrichen statt gerollt
Bei den Umsetzungsarbeiten waren spezifische Vorbereitungsarbeiten des Schreinerfachmanns gefragt (Holz-Edelstahl-Gestell, Demontage des Täfers, Montage der Fermacell-Elemente, Verstärkungen und Unterkonstruktionen für UP-Kasten, WC und Armaturen) sowie Handwerksleistungen des Sanitärs, Gipsers, Malers und Fugenspezialisten. Darüber hinaus musste zum überwiegenden Glaskontext ein optisch gediegener, klimatisch (Wasserdampf im Badezimmer) und akustisch (Glas und Edelstahl) vertretbarer Ausgleich gefunden werden: In Erinnerung und Anlehnung an das einst quer verlaufende Täfer mit seiner Fähigkeit, Wasser aufzunehmen und abzugeben, entschied man sich, auf der glasfrei gebliebenen Fermacell-Wand und Decke einen Weissputz anzubringen und diesen von einem geeigneten Maler mit dem Pinsel quer (nicht senkrecht) streichen (nicht rollen) zu lassen. Um dem Raum die gewünschte Dampfdiffusionsfähigkeit, wie sie einst mit dem Täfer gegeben war, zurückzugeben, fiel die Wahl auf eine mineralische Farbe, die diesem Anspruch genügt und die gewünschten Pinselspuren gut sichtbar wiedergibt (Abb. 5). Auf diesem Weg wurde das Badezimmer vordergründig mit völlig andern Materialien als Holz ausgestaltet. Dennoch knüpft es an die frühere Holztäfergeschichte an.

Inhomogene Flächen mit besonderem Wert
Unregelmässigkeiten auf der Oberfläche als Ausdruck professionellen handwerklichen Arbeitens und als Zeichen des Res-pekts gegenüber Material und Geschichte haben heute einen unschätzbaren Wert. Sichtbare, gekonnt handwerkliche «Spuren» vermitteln Einzigartigkeit, Individualität, Lebendigkeit. Die Umkehrung -gewohnter, konventioneller, glatter An-schau-ungen wirft ein Licht auf ein ungeahntes Feld neuer, ausserordentlicher Gestaltungsmöglichkeiten. Dabei erhält die überraschende Kombination und Variierung verschiedenster Materialien und Verarbeitungsarten, das bewusste Setzen von Kontrasten, ein umso interessanteres Gewicht. Inhomogene Flächen durch Hobelanreisser, Verunreinigungen, Leimreste, Flecken, Ausblühungen stehen makellos-homogenen unvereinbar gegenüber, oder aber sie fügen sich zu einem spannungs-geladenen Ganzen zusammen.

Neu interpretiert, bilden vom Handwerk bewusst beibehaltene oder durch handwerkliche Verarbeitungstechniken hervorgerufene Spuren eine Grundlage für interessante Oberflächen, sofern sie nicht im Vornhinein weggehobelt, ausgeglättet oder überdeckt werden. Ein solcher differenzierter Ansatz ebnet vor allem im Renovierungsbereich ein weites Feld für Lösungen, die Manifestation einer aussergewöhnlichen Ästhetik und Ausdruck für individuelle Gestaltungsansätze sind. Voraussetzung dazu ist ein Handwerk, das sich selbst- und qualitätsbewusst zeigt.  
 
Ausgabe "2009/4 - Juni/Juli" bestellen
 
Text Gregor Eigensatz
 
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