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Alte Bausubstanz – moderne Gestaltung
Synthese von Erhalten und Erneuern
 
Im Zentrum des Renovationsprojektes am Mehrfamilienhaus im Zürcher Kreis 6 stand der Grundsatz, dass Alt und Neu nebeneinander gleichwertig Bestand haben sollen und dass auf historisierende Nachbildungen zu Gunsten von einfachen Ergänzungen verzichtet wird. Den sensibel ausgeführten Renovationsarbeiten liegt eine sehr gute kommunikative Verständigung zwischen der Bauherrschaft, die gleichzeitig planender und ausführender Architekt war, und dem Handwerk zugrunde. Diese Voraussetzung schärfte den Blick sowohl bei der Architektin und Bauherrin wie auch bei den Verantwortlichen des Handwerks für den Wert erhaltenswerter Substanz und für die Zwischenbereiche, wo sich Innovation von Bestehendem sanft und doch bestimmt abzugrenzen hat. Ein nicht alltäglicher Einblick in ein professionelles Renovationsprojekt.

Nicht alle getroffenen Entscheide waren im Voraus leicht erkennbar
Wie werden alte, mit Dispersionsfarbe gestrichene Stuckaturdecken behandelt?

Wie geht man mit den unter der Calicotbespannung liegenden Rissen um?

Wie begegnet man den zwei Quadratmetern Lincrusta-Prägetapete, die die letzten 100 Jahre überdauert haben?

Wie ergänzt man die Stuckaturdecken in Räumen, die im Laufe der Zeit einen andern Grundriss erhalten haben?
Wie gestaltet man die Wände? Klassisch mit einem Stramin, einem blossen Anstrich mit Mineralfarbe und Bürstenschlag oder mit einem schlichten, Riss überbrückenden Glasfasergewebe?

Wie weit orientiert man sich an einer historischen, aber nicht mehr vorhandenen Farbgebung?

In welchem Umfang wird bewusst mit modernen Materialien gearbeitet?

Wie soll das Erscheinungsbild der Oberflächen bezüglich Struktur, Farbgebung, Glanzgrad, Applikationstechnik und Handschrift gestaltet sein?

Fragen, die in Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft erörtert und umgesetzt wurden.
Das fünfgeschossige Mehrfamilienhaus mit Dachzinne und Türmchen wurde 1903 als Eckhaus einer Zeile von insgesamt vier aneinander gebauten Häusern im klassizistischen Stil erbaut. Das Gebäude steht an der nach dem ETH-Professor Rudolf Clausius benannten Strasse im Zürcher Hochschulquartier. Es befindet sich in guter Gesellschaft – bis auf wenige Ausnahmen aus den 1960er Jahren, ist die ganze Strasse beidseits von Bauten aus der Gründerzeit gesäumt.

Das nachfolgend beschriebene Mehrfamilienhaus diente lange Jahre als Studentenunterkunft und war vor der Übernahme durch die heutige Bauherrschaft namentlich im Innern in stark vernachlässigtem Zustand. Dies war für das Haus ein Glücksfall, denn so konnte ein Grossteil der bauzeitlichen, originalen Bausubstanz erhalten werden.

Konzeption und Grundsätze des Umbaus
Das dreiseitig orientierte Haus enthält pro Geschoss eine Wohnung. Der Wohnungsgrundriss bestand vor dem Umbau aus einem Gang, der parallel zum Treppenhaus verlief und nur über ein Fensterchen zu diesem belichtet war. Um den Gang waren die Räume dreiseitig angeordnet. Jene mit Installationen (Küche, Bad, WC) orientierten sich zum hangseitigen Garten, die repräsentativen Räume zum Beispiel mit Stuckdecken westwärts zur Strasse. Die Fassaden vor den Zimmern, die auf die öffentlichen Zonen orientiert sind, sind reich gegliedert mit Eckquadern, Risaliten, Fenstereinfassungen und ornamentalen Fensterstürzen. Die Gartenfassade ist schlicht gehalten und einzig durch die Fenster mit Fenstereinfassungen gegliedert.

Wichtiges Ziel der Umgestaltung der Wohnungen war, einen verbesserten natürlichen Lichteinfall zu schaffen und einen direkteren Bezug zum Garten herzustellen. Dabei sollte die alte Bausubstanz so weit als möglich erhalten werden, sodass die innere Atmosphäre mit der Erwartung, die die Fassade schafft, übereinstimmt. Diese Atmosphäre wird geprägt durch Holzfenstereinfassungen, Wandvertäfelungen, Lamperien, Stuckdecken, gestemmte Türen, grosse Gusseisenradiatoren, sichtbare Heizsteigleitungen und Verbindungstüren zwischen den einzelnen Räumen (Bild 11). Der grösste Eingriff in die bestehende Substanz erfolgte deshalb auf der Gartenseite des Hauses, weil dort keine der atmosphärischen Elemente vorhanden waren; Bäder und Küchen waren bereits mehrmals umgestaltet worden und wiesen keine wertvolle Substanz mehr auf. Der innen liegende Gang wurde beidseitig geöffnet, gartenseitig auf die neuen offenen Küchen, strassenseitig auf die Wohnzimmer. Die Gartenfassade wurde im Bereich der Küchen grosszügig aufgebrochen, und neue Balkone wurden auf die Breite dieser Öffnung angebaut (Bild 2).

Verbindende Funktion von Farben und Materialien
Von aussen gesehen, bilden die neue Verglasung, die Balkonkonstruktion und die Geländer eine Einheit, die auch farblich in einem Anthrazitton zusammengefasst ist. Die alten Balkongeländer wurden weiterverwendet und binden so den ganzen Balkonturm mit der alten Fassade zusammen. Eine neue Wendeltreppe stellt die Verbindung von den Balkonen in den Garten her.

Die geänderten Raumteile – Küche, Bad, Gäste-WC – sind in moderner Formensprache formuliert, bilden dennoch aber keinen Bruch zu den bestehenden Zimmern, da Materialien und Farben eine Verbindung herstellen. Der Gang vermittelt auch gestalterisch zwischen «alten» und neuen Bereichen, indem er den gleichen Bodenbelag und die Lamperie wie die Zimmer aufweist, aber mit einem modernen Garderobenschrank ausgestattet ist.

Jede Wohnung ist individuell ausformuliert, aber immer basierend auf dem Grundsatz des auf das Ganze ausgerichteten Verbindenden. So findet sich in der einen Wohnung die beleuchtete orangefarbene Nische des Garderobenschranks im Badezimmer wieder, wo gleich drei beleuchtete Nischen ein stimmungsvolles Licht erzeugen, und der Küchenboden nimmt das Orange auch wieder auf (Bilder 3 und 4). Die leicht weiss geölten Eichendielen haben ihre Entsprechung in den horizontal furnierten Eichenfronten der Küchenmöbel.

In einer anderen Wohnung verbindet die dezente bis kräftige Farbigkeit der Wände die Räume: Die vergrösserten Zimmerverbindungstüren lassen die Wand des einen mit der Wand des dahinter liegenden Zimmers zusammen sehen; beide Wände weisen verschiedene zusammenspielende Farben auf (Bild 7). Das feine Lindengrün der Gangwand zieht sich in die Küche hinein und harmoniert mit der graublau gestrichenen Küchenrückwand.

Eine Wohnung wird geprägt durch dunkle Eichendielen, verschiedene Grautöne (Küchenfronten, Edelstahlgitter beim Garderobenschrank, Material der Leuchten) und bewusst eingesetztes punktweises Kunstlicht im alten und neuen Teil.

Im Dachgeschoss wurde gartenseitig ein Quergiebel eingebaut, durch dessen Verglasung viel Licht in die neue Küche und den Gang strömt. Die bestehenden Lukarnen wurden seitlich mit Spiegeln versehen, da die vorgesehene Verglasung nicht bewilligt worden war. Durch diese Massnahmen ist aus den dunklen Mädchenzimmern eine helle Wohnung entstanden. Das Treppenhaus vermittelt zwischen den einzelnen Wohnungen, indem es bereits wie ein Innenraum mit einladendem Licht, in warmem Orange gestrichenem Sockel und geölten Eichenstufen behandelt ist. Die Beleuchtung, die sich im Treppenauge hochschraubt, ist eine bewusst neue Komponente, die gut mit den alten Elementen harmoniert und die Grundhaltung dieses Umbaus nochmals komprimiert zum Ausdruck bringt.

Renovationsansatz und Umsetzung
Eine wesentliche Erleichterung bei der Umsetzung des Renovationsprojektes war, dass die Bauherrschaft gleichzeitig planender und ausführender Architekt war. Nicht alle getroffenen Entscheide waren im Voraus leicht erkennbar (vgl. Box mit Fragestellungen am Anfang des Artikels). Als zentraler Ansatzpunkt diente der Grundsatz, dass Alt und Neu nebeneinander gleichwertig Bestand haben sollen und auf historisierende Nachbildungen zu Gunsten von einfachen Ergänzungen verzichtet wird. So findet sich in einem Wohnzimmer ein Stück Lincrusta-Prägetapete am Wandsockel – wie ein Fresko oder ein Bild, das am Boden steht, antstatt dass es an der Wand hängt (Bilder 5 und 6).

Alle übrigen Wände wurden mit einem schlichten Glasfasergewebe tapeziert und in abgetöntem Weiss tuchmatt gestrichen – oder aber auch mit einem feinen Grün, abgestimmt auf den verwendeten norwegischen Gneis (Bilder 9 und 10). Im Einzelfall gelangte auch eine eingefärbte, sandbeige und horizontal verlaufende Naturfasertapete zum Einsatz. Nischen, Vertiefungen oder Rückwände in der Küche wurden durchwegs mit klaren Farben mit Acrylfarbe gefasst.

Ein Wandbild des Zürcher Künstlerpaars Daniel Weber und Käthi Meister, direkt auf das gestrichene Glasfasergewebe aufgebracht, verleiht dem Kinderzimmer einen ganz besonderen Charme. Auch die farbige Gestaltung des Schlafzimmers ist direkt auf das Glasfasergewebe aufgebracht und findet ihre Fortsetzung auf dem Holzwerk – mit den gleichen Farbtönen, aber mit einem andern Anstrichmaterial ausgeführt. Eine willkommene Herausforderung für den Maler bei der Ausführung (Bild 1).

Fehlende Stuckaturen fanden eine einfache Ergänzung zu einem optischen Ganzen (Bild 8). Wo ganze Decken neu erstellt werden mussten, wurde auf das Anbringen von Stuckaturen oder Profilstäben verzichtet. Die Decken sind alle in einem weichen Weiss gehalten. Dafür wurde der Himmel des Türmchens von einem Künstler mit dem nächtlichen Firmament ausgestaltet und verleiht der sich darin befinden Leseecke einen ganz besonderen Charme.

Holzimitation in Öllasur übernimmt verbindende Funktion
Eine neu angebrachte Holzimitation in Öllasur verbindet das aus Tannenholz gefertigte oberste Treppenhausgeschoss mit der gesamten, aus Eichenholz ausgebildeten Treppenhausanlage. Decke und Wandoberteil wurden in schlichtem Weiss gestrichen. Der alte, bestehende Rupfensockel wurde an verschiedenen Stellen ergänzt, vorgestrichen, um die Struktur anzugleichen und anschliessend zweimal mit seidenglänzender Kunstharzfarbe gestrichen. Als Farbton wurde ein erfrischendes Orange gewählt, das in einem ausgewogenen Farbenspiel zu den ockerfarbig und blaugrau ornamentierten Bodenplatten des repräsentativen Entrees kontrastiert.

Ganz bewusst wurden auch alte Bauteile wie zum Treppenhaus führende Fenster oder Nischen in die Gestaltung mit einbezogen und farblich akzentuiert. Unterstützt wird die gesamte Gestaltung durch einen differenzierten und subtilen Umgang mit Licht. Entstanden ist eine beeindruckende Synthese von alter Bausubstanz, moderner Architektur und Gestaltung. 
 
Ausgabe "2007/2 - März/April" bestellen
 
Text Marietta Tschander; Theo Schaub
Bild Bruno Mancia, Zürich
 
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