Home
| Home |   | Sitemap |   | Testimonials |   | Partner |   | Links |   | Stichwortverzeichnis |   | Inscreenum |  

| Aktuelle Ausgabe
| Archiv
| Anzeigen
| Abo/Einzelausgaben
| Veranstaltungen/Dienste
| Über COVISS
| Redaktion/Verlag
| Leserbriefe
| Kontakt
| Impressionen
| Bestellung Buch




 
Farbigkeit der 1920er Jahre in der Baumuster-Centrale
Augustinergasse – Zeugin der Farbbewegung in Zürich
 
Unter der künstlerischen Leitung von Karl Hüglin (1887 bis 1963) hat die Augustinergasse in der Zürcher Altstadt bereits 1925 eine farbige Bemalung erhalten. Diese ist die einzige noch existierende Zeugin der Farbbewegung in Zürich geblieben. Während die für Zürich ungewöhnliche Farbigkeit im Prinzip erhalten blieb, wurden die Farbtöne bei späteren Fassadenrenovationen leider nicht immer genau getroffen. Erst mit Hilfe des lange verschollen geglaubten, 1995 jedoch wieder aufgetauchten «Farbenblocks», der originalen Farbkarte der späten 1920er Jahre, konnten die Aussenfassaden der Gebäude an der Augustinergasse 24/28 und 25 wieder im -korrekten Originalfarbton renoviert werden. Der heute in einer Neuauflage erhältliche Farbenblock der späten 1920er Jahre eignet sich für die Sanierung von Bauten der Jahre 1925 bis 1935 genauso wie für Neubauten in unserer modernen Zeit. Davon überzeugen kann man sich vom 8. April bis Mitte Mai 2009 anlässlich einer aktuellen Ausstellung in der Schweizer Baumuster-Centrale in Zürich.

Farbe als Gestaltungsmittel erlebte im Laufe der Geschichte eine unterschiedliche Beachtung. Mode und Zeitgeschmack beinflussen bis heute den Umgang mit der Farbe in der Architektur.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr die Bauproduktion vor allem in den Städten eine gewaltige Steigerung. Die damals erstellten Miets- und Geschäftshäuser waren weitgehend grau. In den 1890er Jahren wurden zwar einige Fassaden im Stile des Barock neu sehr bunt gefasst, teilweise marmoriert oder gar mit figürlichen Dekorationen versehen. Allerdings ver-schwand diese Pracht schon nach kurzer Zeit, wohl wegen der ungenügenden Qualität der Anstrichstoffe.

Markenzeichen eines neuen gesellschaftlichen Bewusstseins
In Deutschland wurden in Anknüpfung an altdeutsche Traditionen seit 1900 verschiedene Altstädte farbig gestaltet. Ebenso bunt suchten sich neu entstandene Genossenschaftssiedlungen von bürgerlichen Spekulationsbauten abzuheben. Farbe wurde zum Markenzeichen eines neuen gesellschaftlichen Bewusstseins. So weist die Farbbewegung jener Zeit durchaus traditionelle und fortschrittliche Züge auf.

Wichtige Voraussetzung zur Wiederbelebung der Farbe im Stadtbild waren beständige, industriell hergestellte Farben. 1886 gründete der Chemiker Adolf Wilhelm Keim (1851 bis 1913) die Deutsche Gesellschaft für rationale Malverfahren -e.V. München. Mitglieder waren Wissenschaftler, Farbfabrikanten, Kunst- und Flachmaler. Ziel war die Entwicklung beständiger Industriefarben. Die Gesellschaft besass eine eigene Versuchsanstalt, die 1906 von der Technischen Hochschule übernommen wurde, eine eigene Zeitschrift «Die Technischen Mitteilungen für Malerei», und sie führte internationale Kongresse durch: unter anderem den 1. Internationalen Kongress für Maltechnik und 1905 den 2. Münchner Farbentag. Mit Hilfe der Gesellschaft gelang es Adolf Wilhelm Keim, seine 1878 patentierte Mineralfarbe zur «Keimschen Mineralfarbe» weiter zu entwickeln.

Silikatfarben (Mineralfarben) wurden zunächst ausschliesslich für dekorative Malereien eingesetzt. Dort erwiesen sie sich
gegenüber den bis dahin üblichen Kalkanstrichen als äusserst beständig und auf Grund ihrer brillanten Lichtreflexion und Farbintensität von hohem ästhetischem Wert. Beispiele in der Schweiz sind zum Beispiel das Rathaus Schwyz (1891), die Fassaden am Marktplatz in Stein am Rhein oder diverse Fassaden der Luzerner Altstadt (alle um 1900). In den 1920er Jahren kam die Möglichkeit der indu-striellen Grossproduktion der Mineralfarbe in den Industriewerken Lohwald AG bei Augsburg dem Wunsch nach grossflächig farbigen Fassaden für Siedlungen entgegen. Ein bedeutender Vertreter der damaligen Bemühungen zur farbigen Stadt war der Architekt, Stadtplaner und Sozialreformer Bruno Taut (1880 bis 1938 – siehe die vom Deutschen Werkbund herausgegebene Schrift «Bruno Taut – Meister des farbigen Bauens in Berlin» von Winfried Brenne, Berlin 2005).

Geschichte der «farbigen Altstadt»
Zur Arbeitsbeschaffung für notleidende Kunstmaler schlug der Präsident der Sektion Zürich der GSMBA (Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten) Sigismund Righini (1870 bis 1937) 1919 dem Zürcher Stadtrat vor, Fassaden städtischer Gebäude nach vorhergehendem Wettbewerb farbig gestalten zu lassen. Der mehrheitlich sozialdemokratische Stadtrat veranlasste darauf unter anderem drei grössere Wettbewerbe: einen für die Bemalung des Gesellschaftshauses «Zum Rüden» (1920), einen anderen für den Fraumünster Kreuzgang (1921) und einen dritten für die Ausmalung der Vorhalle im Amtshaus I (1922). Beim Rüden wurde keiner der Wett-bewerbsentwürfe realisiert. Ausgeführt wurden hingegen die mit dem ersten Preis bedachten Entwürfe der anderen Wett-bewerbe: Paul Bodmer (1886 bis 1983) gestaltete den Fraumünsterkreuzgang, Augusto Giacometti (1877 bis 1947) malte mit verschiedenen Kollegen die Vorhalle im Amtshaus I aus.

Zur farbigen Gestaltung von Altstadtfassaden schuf Augusto Giacometti in Zusammenarbeit mit Stadtbaumeister Hermann Herter (1877 bis 1845) und Giuseppe Scartezzini (1895 bis 1967) im Jahre 1927 ein Konzept für die zu behandelnden Strassen und Plätze. Realisiert wurden in der Folge jedoch nur vereinzelte Hausfassaden; als ganzer Strassenzug hatte die Augustinergasse bereits 1925 eine farbige Bemalung erhalten. Sie ist der einzige noch exis-tierende Zeuge der Farbbewegung in Zürich geblieben. Die künstlerische Ge-staltung oblag Karl Hügin (1887 bis 1963); rote, gelbe und grüne Fassaden wechseln miteinander ab, die zahlreichen vorspringenden Erker setzen zusätzliche farbige Akzente. Die farbig gestaltete Augustinergasse stand in hartem Kontrast zur benachbarten grauen Bahnhofstrasse. Sehr rasch hiess es, die -Au-gustinergasse sei «nachgerade zur Sehens-würdigkeit geworden». Sogar eine farbige Postkarte wurde von ihr angefertigt. Diese für Zürich ungewöhnliche Farbigkeit blieb im Prinzip erhalten, allerdings wurden bei späteren Fassadenrenovationen die Farbtöne leider nicht immer genau getroffen. Besonders die akzentuiert farbigen Erker mit ihren -Dekorationen wurden in vereinfachender Weise übermalt.

Grössere Leuchtkraft dank Farbenblock von 1928
Im Zuge verschiedener Renovationen in den 1990er Jahren konnten die Fassaden der Augustinergasse wieder gemäss dem Konzept von Karl Hügin gestaltet werden. Aufgrund sorgfältiger Analysen noch existierender originaler Anstrichreste erfolgte die Bestimmung der Farbtöne. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hatte Hügin die Farben aus der damals aktuellen Farbkarte, dem oben erwähnten «Farbenblock», ausgewählt. Zum Zeitpunkt der Renovation 1990 war jedoch keine solche originale Farbkarte aufzufinden, und die Häuser der Augustinergasse 15, 32, 34, 42, 44 und 46 wurden nach den Befunden mit Zweikomponenten-Mineralfarbe gestrichen. Erst fünf Jahre später tauchte 1995 der erwähnte Farbenblock aus den 1920er Jahren wieder auf (siehe Box). Der Vergleich mit den Farbbefunden ergab geringfügige, aber entscheidende Unterschiede in Richtung einer grösseren Intensität und Leuchtkraft. So konnten die Häuser Augustinergasse 24/28 und 25 aufgrund des wiedergefunden Farbenblocks neu gestaltet werden.

Die Augustinergasse als einzig noch existierender Zeuge der Farbbewegung in Zürich war schliesslich für die Neuauflage des originalen Farbenblocks der späten 1920er Jahre ausschlaggebend. Inzwischen hat sich gezeigt, dass dieser Farbenbock nicht nur bei der Sanierung von Bauten der Jahre 1925 bis 1935, sondern auch für Neubauten bestens geeignet ist. Damit verbinden sich die Bestrebungen nach Schutz und Erhalt der Werke des Neuen Bauens mit aktuellen Tendenzen der Architektur.

Farbenblock 1928
Farbkarten sind ein bewährtes Mittel, das Sortiment eines Farbenfabrikanten zu veranschaulichen. Meist sind es Sammlungen von durch die Kundenbedürfnisse mehr oder weniger zufällig entstandenen Aus-mischungen. Im Archiv der Keimfarben AG -haben sich verschiedene historische Farbkarten erhalten. Sie zeigen jeweils die Stand-ardtöne mit Hilfe von Aufstrichen auf ge-falteten Halbkarton-Flyern. Wohl als Folge der damaligen Farbbewegung und den Bedürfnissen des Marktes stellten die Industrie-werke Lohwald (Keimsche Mineralfarben) 1928 aus 64 Farbtönen einen in der Mitte geteilten Farbblock zusammen. Die Farbtöne der beiden Seiten lassen sich untereinander beliebig kombinieren und passen immer zusammen. Entscheidenden Einfluss auf die Auswahl der Farbtöne hatte das Bauhaus Dessau und andere namhafte Architekten des Neuen Bauens, darunter etwa Bruno Taut, Beda Hefti oder Otto Rudolf Salvisberg.

Ausstellung in der --Baumuster-Centrale Zürich – SBC.2
Der wieder aufgelegte und um innovative Volltöne erweiterte Farbenblock 1928 ist heute unter der Bezeichnung Keim Avantgarde erhältlich. In einer Ausstellung in der Schweizer Baumuster-Centrale in Zürich kann vom 8. April bis Mitte Mai 2009 diese historisch interessante Farbpalette anhand von Originalpigmenten wie auch von Flüssigmustern zum Mitnehmen bestaunt werden. Mit der Thematisierung und Präsentation des wiederentdeckten historischen Farbenblocks im Heute würdigt die Ausstellung eine historisch interessante Phase in der Architekturgeschichte und inspiriert zur Anwendung dieser Farben auch in der -modernen Architektur. Speziellen Dank gebührt Hennes Widmer, -Inhaber der Firma Christian Schmidt Malermeister in Zürich, der den Farbenblock aus seiner historischen Farbkartensammlung für die Neuauflage zur Verfügung stellte.

Ort: Schweizer Baumuster-Centrale Zürich – SBC.2, Talstrasse 9, 8001 Zürich

Zeit: Eröffnung der Ausstellung mit Apéro und Kurzreferaten von Dieter Nievergelt, Dipl. Architekt ETH und Thomas Klug, Geschäftsführer Keimfarben AG, Mittwoch, 8. April 2009, 17.30 bis 19 Uhr

 
 
Ausgabe "2009/2 - März" bestellen
 
Text Dieter Nievergelt, Dipl. Architekt ETH
Bild Dieter Nievergelt, Dipl. Architekt ETH
 
   Weiteres zum Thema
 
Mineralische Oberflächen | Rein mineralische Produkte …      
Pigmente | Farbe ist nicht gleich Farbe. Je nach …      
Renovation | Das erfolgreiche Zusammen von Alt …      
Umbauten | Das erfolgreiche Zusammen von …      




Lifecom


Xen-On


Verkehrshaus