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COVISS-Lexikon
Mineralische Farbbindemittel
 
Vor allem von Seiten engagierter Architekten wird wiederholt gewünscht, dass COVISS nebst den ausführlichen Artikeln auch in kurzer, bündiger Form oberflächentechnische Aspekte beleuchte. Die neu konzipierte Reihe «COVISS--Lexikon» ist eine Antwort auf dieses Bedürfnis nach rascher, übersichtlicher und doch gehaltvoller Information und lädt ein, die Beiträge thematisch abzulegen und zu sammeln.

Putze und Anstrichstoffe werden durch ihr Bindemittel definiert (Kalkputz, Kunstharzputz, Leimfarbe, Dispersionsfarbe, usw.). Das Bindemittel bestimmt hauptsächlich die Eigenschaften einer Beschichtung. Man unterscheidet zwischen mineralischen (anorganischen) und organischen Bindemitteln. Mineralische Farbbindemittel basieren auf Mineralien. Diese bilden das Glied zwischen Molekülen und Gesteinen (Atom => Molekül => Mineral => Gestein => Erdkrus-te). Als Bindemittelbalis eignen sich Kalk (CaCO3) und Quarz (SiO2). Organische Farbbindemittel basieren auf der Chemie der Kohlenwasserstoffe. Diese können natürlichen oder synthetischen Ursprungs sein wie zum Beispiel pflanzliche Harze oder Kunstharze. Die moderne Petrochemie hat eine Vielzahl verschiedener synthetischer, organischer Bindemittel hervorgebracht.

Eigenschaften von calzitischen und quarzitischen Bindemitteln
Kalk und Quarz werden bergmännisch gewonnen und dienen als Basis zur Herstellung von Bindemitteln für Putz und Anstrich. Diese Mineralien durchlaufen einen chemischen Kreislauf, an dessen Ende beim Kalk eine calzitische, beim Quarz eine quarzitische (= silikatische) Verbindung steht, die chemisch mit dem Rohstoff identisch ist. Die Abbindung erfolgt als chemische Reaktion. Zuschlagstoffe, Pigmente und Untergrund werden chemisch miteinander verbunden. Die -Untergründe müssen für diese Reaktion auch mineralischer Natur sein (Stein, Kalk-/Zementputz, Beton).

Die physikalischen Grössen zur Beschreibung des Feuchtehaushalts
Mineralische Beschichtungen sind porös und dampfdiffusionsfähig. Sie verfügen über einen sehr geringen «Dampfdiffusionswiderstand». Organische Beschichtungen können leicht zehn- bis hundertmal dichter sein. Der Dampf-diffusions-wider-stand wird, allgemein ausgedrückt, als «Sd-Wert» in Metern ausgedrückt. Er errechnet sich aus dem Produkt der Diffusionswiderstandszahl μ und der Schichtdicke in Metern (Sd-Wert = μ·s(m)). Zum Beispiel ein mineralischer Anstrich (μ = ca. 70, s = ca. 0.0003m) erreicht einen Sd-Wert von 0.02m (Produkt von μ und s) und setzt dem Wasserdampf damit den gleichen Widerstand entgegen wie 0.02m stehende Luftschicht (= äquivalente Luftschichtdicke).

Die «Wasseraufnahme», ausgedrückt im «W-Wert», besagt, wie viel flüssiges Wasser bei Dauerberegnung während 24 Stunden in den Untergrund eindringt. Stark Wasser aufnehmende (= hydrophile) Beschich-tungen haben einen hohen W-Wert, Wasser abweisende (= hydrophobe) Beschichtungen haben einen niedrigen W-Wert. Man spricht von einem hydrophoben Untergrund, wenn W < 0.5 ist. Mineralische Beschichtungen sind von Natur aus eher Wasser aufnehmend, können aber durch den Einsatz von hydrophobierenden Zusätzen Wasser abweisend ausgerüstet werden. Multipliziert man den W-Wert (Herstellerangabe) einer Beschichtung mit 5 (= ca. √24), so weiss man, wie viel Wasser bei Dauerberegnung in 24 Stunden pro Quadratmeter aufgenommen wird. Beispiel: W-Wert = 0.1 ergibt 0.5kg Wasseraufnahme pro m2 in 24h (hydrophob). W-Wert = 0.6 ergibt 3.0kg Wasseraufnahme pro m2 in 24h (hydrophil).

Sd-Wert: Dampfdiffusionswiderstand in Metern. Der Sd-Wert errechnet sich aus dem Produkt von μ und s.

W-Wert: Wasseraufnahmekoeffizient in kg Wasser/m2·√h.

V-Wert: Dampfdiffusionsstromdichte = «Trocknung» in Gramm Wasser/m2·24 h

Der V-Wert ist vom Sd-Wert abhängig und gibt an, welche Menge flüssigen Wassers in Gramm pro Quadratmeter und Tag verduns-ten kann. V-Wert = 21/Sd-Wert. Die Berechnung des V-Wertes bezieht sich auf Laborbedingungen bei 23 Grad. Pro 10 Grad tieferer Temperatur halbiert sich der V-Wert. Entsprechend der unerreichten Dampfdiffusionsfähigkeit von Mineralfarben ist auch deren Fähigkeit zur Austrocknung sehr hoch. Aufgrund ihrer Offenporigkeit bildet sich auf oder unter mineralischen Anstrichen kein Kondenswasser, was mit der anorganischen, leicht bis stark alkalischen Formulierung zu einer algen- und schimmelwidrigen sowie schmutzunempfindlichen Ober--fläche führt.

Mineralische Optik
Mineralische Bindemittel schliessen im Gegensatz zum Beispiel zu Dispersionen die Pigmente nicht in einem Film, sondern -lassen die Lichtstrahlen direkt auf das -Pigment treffen, von wo sie in einem bestimmten Winkel reflektiert werden. Film-bildende Bindemittel dagegen reflektieren das Licht abgedunkelt und diffus. Deshalb erscheint die mineralische Lichtreflexion gerichtet, brillant und strukturbetont, die Lichtfeflexion des Filmbildners hingegen eher diffus, stumpf und egalisierend. Mineralische Beschichtungen werden bei Feuchte dunkler. Sie neigen deutlicher zur Wolkenbildung als die organisch gebundenen Filmbildner.

Renovierbarkeit
Mineralische Beschichtungen erfüllen die Funktion der Opferschicht in idealer Weise. Der Anstrich opfert sich dem Putz und dieser wiederum in drei- bis viermal längeren Zyklen dem Mauerwerk. Nach allmählicher Abwitterung können mineralische Putze und Farben entweder wieder mineralisch gefestigt (mittels Kalksinterwasser oder Wasserglas) oder einfach überarbeitet werden. Da sie nicht filmbildend sind, brauchen sie weder einen Tiefgrund, noch müssen sie durch Ablaugen entfernt werden. Sie stellen keinen Sondermüll dar und bereiten keine Entsorgungsprobleme. Die Ökobilanzen mineralischer Beschichtungen sind günstig. 
 
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Text Red.
Bild COVISS


Lifecom


FotoTeam


Xen-On