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Kunst am Bau im Berufsschulzentrum Weinfelden
Sinnliches Erlebnis des Auf- und Abtragens
 
Mit ihrer Intervention wollte Künstlerin Doris Naef der bestehenden Architektur eine Dimension hinzu-fügen, die die Sinneswahrnehmungen schärft und hinterfragt. In der Trilogie der beiden angewendeten Techniken des Ab- und Aufbauens und dem Element der Verspiegelung kommt die Synthese der installativen Kunst am Bau zum Ausdruck.

Anfang Jahr wurde ein kantonaler Wettbewerb für Kunst am Bau des Berufsschulzentrums in Weinfelden ausgeschrieben. Der Erweiterungsbau der Architekten Antoniol + Huber + Partner stand bereits im Rohbau, als die Aufgabe formuliert wurde, die beiden grossen Wände von je 112 m2 und die Treppenlichthöfe künstlerisch so zu gestalten, dass «im Zusammen-wirken der Architektur und dem Ort ein unverwechselbarer Ausdruck entsteht».

Doris Naef, Malerin, Video- und Instal-lationskünstlerin, ist die Gewinnerin des Wettbewerbs. Ihr Projekt überzeugte die Jury. Kantonsbaumeister Markus Friedli lobte die hohe Sinnlichkeit, die vor allem aus der «Gegenüberstellung verschiedener Techniken wie des Auftragens, Abtragens und Verspiegelns mit einfachen, aber präzis eingesetzten Materialien» erzielt werde.

Gemeisselte Betonwand wie Nagelfluhfelsen
Die eine Sichtbetonwand, die «Meisselwand», wurde in 250 Arbeitsstunden von Steinmetz Jürgen Kübler mit dem Elektro-meissel abgetragen. Bei dieser sehr aufwändigen Arbeit war von Bedeutung, dass immer dieselbe Person mit ihrer eigenen Handschrift arbeitete. Ähnlich eines Nagel-fluhfelsens in Weinfelden strahlt die gemeisselte Betonwand Natürlichkeit aus und löst bei den in unmittelbarer Umgebung beheimateten Betrachtern ein vertrautes Gefühl des Zuhause-Seins aus. Der rohe, ungeschliffene Beton mit seinem Licht- und Schattenspiel rückt ins Zentrum und stellt ein Stück Natur dar. Die auf Hochglanz polierte Chrom-Innenverkleidung der Balustraden erzeugt zusätz-liche Animation und Verspieltheit.

Betonwand aus Glasgranulaten
Lebt die eine Betonwand vom Motiv des Abtragens, erhält die andere im Eingangsbereich einen Auftrag, der ihr funkelnde Lebendigkeit verleiht. Die Wand trägt den Namen «Korundwand», obwohl sich das beinahe diamantharte Aluminiumoxyd für die vorgesehene rote Farbgebung als zu stumpf und deshalb als ungeeignet erwies. Schliesslich wurde die Wand, die wie die Meisselwand 8  14 Meter misst, mit roten Glasgranulaten überzogen. Diese setzen sich aus einem Gemisch von zwei verschiedenen Rottönen und einem transparent-weissen Bleikristall sowie aus zwei verschiedenen Körnungen zusammen. Die Farbe Rot habe die Künstlerin deshalb gewählt, weil «Rot eine warme Farbe» sei und im von Naef häufig bereisten Indien «die Farbe der Gastfreundschaft» sei. Einladend, stark und verspielt – je nach Laune des Lichteinfalls – stahlt diese verwandelte Betonwand den ins Schulhaus Eintretenden und sich in Gängen und Treppenhaus Bewegenden freundlich entgegen. Die eindrückliche Reflektionskraft dieser weiten Wand, ergänzt und verstärkt durch das Chromstahlblech an den Balustraden, taucht den ganzen Lichthof in ein rötlich-schillerndes, warmes Licht. Der «graue» Sichtbeton an den unverändert gebliebenen Wänden erhält eine je nach Tageszeit und Lichteinfall variierende sanfte Farbigkeit.

Einheit in der Verschiedenheit
Die beiden Wände werden als Einheit in der Verschiedenheit wahrgenommen. Das Zirkulieren im Gebäude soll zu einem immer wieder neuen Raumerlebnis führen. Man könne ihr Werk auch allegorisch sehen, betont die Künstlerin. «Die Schülerinnen und Schüler kommen als Rohlinge und werden im BBZ geschliffen, erhalten ihre Kanten und treten als Diamanten und neue Persönlichkeiten in das Berufsleben über.»

Die haptischen und glänzenden, glitzernden Oberflächen und andererseits Spiegelungen in der inneren Chromstahlverkleidung der Holz-Balustraden vergrössern optisch den Lichthof und öffnen den Raum; die verspiegelte Chromstahlbalustrade führt dem Lichthof mehr Licht zu, wobei dieser entmaterialisiert und optisch vergrössert wirkt. Auch nimmt die Chromstahlverkleidung die Bewegungen und das Lichtspiel auf und leitet es weiter, wodurch witzige Begegnungen über den leicht verzogenen Spiegel entstehen. Dieser verbindet die Rückseite des Gebäudes mit der Vorderwand und führt bis hinaus auf den Bahnhofplatz. Die sehr verschiedenen Wandoberflächen übermitteln eine Er-lebniswelt, die körperlich und visuell unterschiedlich wahrgenommen wird.

Technische Herausforderung in den Bereichen Haftung und Glanz
Die rot leuchtende Glasgranulat-Wand, wie sie sich jetzt den Betrachtern präsentiert, setzte einen langen Prozess des aufwändigen und wiederholten Suchens und Verwerfens voraus. Welche Lasur, welches Pigment, welches Glas eignet sich am bes-ten? Wie sind die Granulate an die Wand zu bringen, damit sie ihre volle Leuchtkraft an den Raum zurückgeben und gut an der Wand haften? Fragen über Fragen, die nur über den Umweg unzähliger Bemusterungen, über das Ausprobieren, Pröbeln und Testen schlüssig beantwortet werden konnten.

Bei der Glashütte Kugler in Blaubeuren wurde Doris Naef fündig. Nach vielen Stunden des Probens und Vergleichens hatte sie die Methode des Auftragens über einer Haftbrücke aus Schlämmputz mit 0.5 mm Körnung gefunden. Gesucht war nun eine Farbe, deren Weissanteil die Künstlerin überzeugte. Die weisse Mineralfarbe Optil von Keim entsprach den Erwartungen. Über diesen Weissgrund wurden anschliessend zwei Lasuren mit mineralischen Rotpigmenten aufgebracht, so, dass der weisse Untergrund nach wie vor leicht durchschimmerte. Damit die ebenfalls roten, aufzuspritzenden Glas-partikel auch wirklich haften, musste eine Klebmasse mit vorzüglicher Haftung und Viskosität gefunden werden, die aber glasklar abbindet. Wasserglas erwies sich für diesen Zweck als ungeeignet – die Granulate waren zu wenig abriebfest. Bei einem Besuch bei der Firma Lascaux fand die Künstlerin die geeigneten Materialien: Die Acrylemulsion D 498-M, die für die Pigmentbenetzung besonders wirksame Netzmittel enthält, erfüllte die hohen Anforderungen bezüglich Klebkraft, Transparenz und Alterungsbeständigkeit. Durch Zugabe von Lascaux Verdicker und Retarder liess sich sowohl die gewünschte pastose Konsistenz als auch eine genügend lange Offenzeit erzielen, wodurch die idealen Verarbeitungseigenschaften für eine grossflächige Auftragung erreicht wurden.

Die Granulate leuchten je nach Lichteinfall in wechselndem Rot; bei Sonnenlicht glitzert und funkelt die rote Wand – im Lichthof der bewusst gesetzten sinnlichen Wahrnehmungskomponenten. 
 
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Text Gregor Eigensatz
Bild Max Iseli, Weinfelden
 
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