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Vom Pionier zum neuen Standard
Naturbaustoffe im Wandel der Zeit
 
Für Bauökologie und natürliche, traditionelle Baustoffe besteht ein grosser Markt. Die üblichen Marktargumente, die die hohe technische Qualität betreffen, den günstigen Preis, die einfache Verarbeitung und erwünschte Eigenschaften wie die schnelle Trocknung bei Farben zum Beispiel, stehen nicht mehr alleine im Raum. Die so genannten neuen Marktargumente haben in den letzten 20 Jahren an Kraft zugelegt. Sie konzentrieren sich auf Fragen der Rohstoffsicherung, der Vermeidung von Abfällen und Immissionen und der gesundheitlichen Risiken, der bauphysikalischen Eigenschaften und der Renovierbarkeit von Objekten.

20 Jahre Thymos

Der Naturbaustoff-Händler Thymos feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen. COVISS hat dieses Jubiläum zum Anlass genommen, mit Hanspeter Niggli, Geschäftsführer der Thymos AG, allgemein über Naturbaustoffe und deren Stand vor 20 Jahren und heute zu sprechen.

Thymos moderne Angebots-Struktur bewegt sich in den Bereichen der Naturfarben, Mineralfarben, Ölfarben, Kalkfarben, Öl-Wachs-Systeme und mit der Polychromie le Corbusier im dekorativen Bereich.

www.thymos.ch

COVISS: Vor 20 Jahren legten Sie zusammen mit einem Handwerkspartner den Grundstein für Ihr Naturbaustoffhandel-Geschäft. Wie war die Situation damals?

Hanspeter Niggli:
Naturbaustoffe, insbesondere Naturfarben, galten als exotische Produkte, die am Bau, wo eine effiziente Verarbeitung gefordert ist, scheinbar nichts zu suchen hatten. Das Handwerk begegnete ökologischen Produkten mit Skepsis, man belächelte jene, die damit arbeiten wollten und jene, die ihre Räume mit natürlichen Produkten aufgebaut oder veredelt haben wollten. Schliesslich wollte der Handwerker nicht «spielen», sondern «arbeiten», und hierzu waren anscheinend einzig die gängigen petrochemischen Produkte dienlich.

COVISS: Waren die natürlichen Produkte nicht oft schwieriger in der Anwendung und technisch noch zu wenig ausgereift?
Hanspeter Niggli:
Ja, das waren sie in der Tat. Zwischenzeitlich sind die natürlichen Produkte von ausgezeichneter Qualität. Dass bei der Verarbeitung solch hochwertiger Produkte handwerkliches Know-how und Erfahrung oft unabdinglich sind, bestreite ich nicht. Aber gerade diesen Punkt finde ich höchst interessant.

COVISS: Warum?
Hanspeter Niggli:
Weil das Handwerk sich wieder auf seine Stärken zurückbesinnen muss, nämlich auf sein Spezialistentum in der Bereitstellung und Verarbeitung von Material und in der Vermarktung «seines» Produkts.

COVISS: Welches Produkt meinen Sie genau?
Hanspeter Niggli:
Des Handwerkers Produkt ist doch jenes Endprodukt, das dieser als ein Gesamtes, als «sein Werk» dem Kunden abgibt. Auf das Handwerk eines Malers übersetzt hiesse das: Der Kunde erhält nicht bloss einen Farbanstrich, sondern ein ästhetisch hochwertiges Resultat, das aus einem Gemisch von Kundennähe, technischem Know-how, Erfahrung, Marketing und Berufsstolz entsteht.

COVISS: Was bedeutet dies nun in Bezug auf Naturmaterialien vor 20 Jahren?
Hanspeter Niggli:
In Bezug auf die Wahl auf natürliche Produkte waren damals von den Anwendern – vielleicht noch mehr als heute – Mut, Selbstbewusstsein und eigene Überzeugungskraft gefordert. «Ich wähle bewusst ein Naturprodukt anstelle eines andern», bedeutete auch, «ich unterscheide mich von meinen Mitbewerbern» – und hier lag ja schon damals die Angst, aber auch die Chance, all jener nämlich, die das Anderssein zum überzeugenden Verkaufsargument machen konnten und die erkannten, dass im Zusammenspiel mit natürlichen Produkten echte Handwerksleistungen gefordert waren. Solches Handwerk war vor der Industrialisierung noch selbstverständlich, ging dann aber Schritt um Schritt – parallel zum allgemeinen Imageverlust des Handwerks – verloren.

COVISS: Nun waren wahrscheinlich solche Handwerker auch vor 20 Jahren eindeutig in der Minderzahl.
Hanspeter Niggli:
Ja das stimmt. Aber es gab sie trotzdem, wenn auch nur in einer verschwindend kleinen Zahl. Und gerade diese Handwerker, die nicht mehr ständig Lösemittel einatmen wollten, die sich vielmehr auf ihre Wurzeln, auf ihr Handwerk zurückbesinnen und wieder auf hohem handwerklichem Niveau aktiv werden wollten, hatten Mühe, zu natürlichen Ausgangsprodukten zu kommen. Ein Maler, der mit natürlichen Farben arbeiten wollte, war als Profi gezwungen, im Reformhaus nach «gesunden» Farben zu fragen…

COVISS: Und dieser beinahe demütigenden Situation begegneten Sie mit der Gründung Ihres Naturbaustoff-Geschäfts?
Hanspeter Niggli:
Genau. Mein Partner, Christian Döbeli, war einer jener Handwerker, die endgültig genug von den Giften hatten und die erkannten, dass bei den Planern und Hausherren ein Markt für gesunde und natürliche Baustoffe vorhanden war. Und wir waren damals nicht die einzigen. Zahlreiche kleine Naturbaustoff-Händler entstanden in dieser Zeit; die konventionellen Vertriebswege waren praktisch blockiert, die Industrie bzw. der von ihr betriebene Grosshandel wollte die Naturbaustoffe partout nicht mit ihren Erzeugnissen vermarkten. Denn, wie schon gesagt, war ja die Meinung verbreitet, dass Naturbaustoffe höchstens ein Thema von ein paar Fundis oder Exoten sei.

COVISS: Was war damals aus Ihrer Sicht das Haupthindernis für Nachfrage, Zugang und Vertrieb von Naturprodukten?
Hanspeter Niggli:
Eine Schwierigkeit war sicher die häufig noch mangelhafte Produktqualität. Eine Nachfrage bestand hingegen durchaus: bei Privaten und Planern. Viele der neu entstandenen regionalen Naturbaustoff-Händler strahlten jedoch zu wenig Kompetenz aus und konnten den an sie gestellten Ansprüchen kaum gerecht werden. Sie verschwanden zu einem grossen Teil wieder von der Bildfläche.

COVISS: Und Ihr Naturfarben-Gross-handel mit nationaler Ausrichtung konnte zulegen.
Hanspeter Niggli:
Ja, das stimmt. Wir haben die Situation richtig eingeschätzt: Es besteht ein grosser Markt für Bauökologie und natürliche, traditionelle Baustoffe. Mit einer ausgebauten Fachberatung, mit Kompetenz und hoher Lieferbereitschaft im Profimarkt konnten wir ein stetiges Umsatzwachstum generieren.

COVISS: Aber eben beklagten Sie die tendenziell ablehnende Haltung der Handwerker gegenüber Naturbaustoffen.
Hanspeter Niggli:
Ja, das war damals und auch heute noch unsere grosse Heraus-forderung. Wir stellten uns die Aufgabe, das Handwerk vermehrt wieder zu sich selber zu führen.

COVISS: Sie meinen zu traditionellen Baustoffen und den damit verbundenen traditionellen Handwerkstechniken?
Hanspeter Niggli:
Genau.

COVISS: Wie gehen Sie dabei vor?
Hanspeter Niggli:
Wir gingen und gehen noch heute zu den Handwerkern, reden mit ihnen, bieten ihnen Weiterbildungskurse an, unterstützen sie in technischen Belangen, beantworten Fragen. Aber wir sind noch längst nicht am Ziel. Nicht selten müssen Handwerker von Architekten oder Bauherren fast überredet werden, natürliche oder traditionelle Baustoffe statt petrochemische zu verwenden…

COVISS: Sehen Sie Entwicklungen im natürlichen Baustoffmarkt, die Ihnen Sorge bereiten?
Hanspeter Niggli:
Ich beobachte bei Naturbaustoffen vermehrt die Tendenz in Richtung Trendprodukt im High-End-Bereich. Die Gefahr einer zunehmenden Versnobung des ökologischen Produkts ist real. Im Wohnungsbau von zum Beispiel Pensionskassen werden ökologische Produkte jedoch kaum angewendet. Ökologie ist im Massenbau, bei den Industrie- und Gewerbebauten sowie im allgemeinen Wohnungsbau noch immer an einem sehr kleinen Ort. Leider. Ganz anders, wie gesagt, im Hochpreissegment. Wir aber wollen, dass ökologische Produkte auch im Standardbau zum Einsatz kommen.

COVISS: Labels wie zum Beispiel «Natureplus» oder der «Blaue Engel» sollen Kunden den Entscheid für natürliche Produkte erleichtern.
Hanspeter Niggli:
Ja das sollten solche Labels, tun es aber nur bedingt.

COVISS: Warum?
Hanspeter Niggli:
Weil Labels eben niemanden von Eigenverantwortung und gesundem Menschenverstand dispensiert. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Im Bereich der Farben konzentriert sich der Blaue Engel auf die Lösemittel bzw. den Schwermetallgehalt von Anstrichstoffen. Hingegen verzichtet der Blaue Engel auf Auflagen bezüglich Verfügbarkeit von Rohstoffen, Entsorgung und Renovationsfähigkeit. Wasserverdünnbare Acryl-Produkte gelangen also auch unter dem Schutz des Blauen Engels in das Grundwasser. Oder nehmen wir das Label «Natureplus»: Hier erhalten Ölfarben das Label, weil sie statt mit Benzin mit Terpentin gelöst sind. Das Bundesamt für Gesundheit jedoch weist in seiner europäischen Gefahrenverordnung darauf hin, dass Terpentinöl als Umweltgefährdender Stoff zu betrachten sei. Höre ich nun auf Natureplus oder besser auf die Gefahrenverordnung?

COVISS: Welche Antwort geben Sie?
Hanspeter Niggli:
Auf keines der beiden Labels ausschliesslich. Schauen Sie, wenn nicht weniger als 40’000 Rohstoffe für die Herstellung synthetischer Beschichtungsstoffe eingesetzt werden, müssten letztendlich alle diese Stoffe genau unter die Lupe genommen und auf ihre Ökotauglichkeit geprüft werden. Bei den traditionellen, natürlichen Produkten stellt sich diese Problematik viel weniger ausgeprägt. Ich plädiere überdies für eine Volldeklaration der Produkte, die nicht mit einer Negativdeklaration ausgetrickst werden darf: «Frei von Formaldehyd» heisst nämlich nicht mehr und nicht weniger, als dass die mindestens 20 dafür zur Verfügung stehenden Ersatzstoffe ihrerseits wieder die Ökoprüfung bestehen müssten…

COVISS: Zum 20-jährigen Jubiläum gratulieren wir Ihnen. Gerne schenken wir Ihnen das Schlusswort.
Hanspeter Niggli:
Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei allen Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten und Freunden bedanken, die uns in den zwanzig Jahren begleitet und unterstützt haben. Sie haben mit ihrem Vertrauen in uns und unsere Produkte den Erfolg der Thymos AG ermöglicht. Herzlichen Dank auch an COVISS für diesen Beitrag. 
 
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